#
Gartenarbeit im Mai: Wie viel Belastung verkraftet Ihr Herz wirklich?
Der Mai ist wunderschön. Die Sonne scheint, die Natur erwacht — und der Garten ruft. Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, ich sehe das jedes Jahr in meiner Praxis in Hamburg: Sobald der Frühling kommt, stürzen sich viele Menschen ab sechzig Jahren voller Begeisterung in die Gartenarbeit. Das ist grundsätzlich eine sehr gute Sache. Doch gerade für unser Herz birgt die Gartenarbeit im Mai besondere Risiken, die wir kennen und ernst nehmen sollten. Dieser Artikel erklärt Ihnen, wie Sie Ihren Garten genießen — ohne Ihr Herz zu überfordern.
—
Das Wichtigste auf einen Blick
- Gartenarbeit ist körperliche Arbeit — sie belastet das Herz ähnlich wie Sport.
- Der plötzliche Wechsel von Winter zu intensiver Gartenarbeit ist besonders riskant.
- Menschen ab sechzig Jahren sollten ihre Herzfrequenz beim Gärtnern kennen und kontrollieren.
- Pausen sind keine Schwäche — sie sind Herzschutz.
- Wer Herzmedikamente nimmt, sollte mit seinem Arzt über körperliche Belastung sprechen.
—
##
Warum Gartenarbeit das Herz wirklich fordert
Viele Menschen unterschätzen die körperliche Anstrengung beim Gärtnern. Das ist verständlich. Wir denken dabei an frische Luft, ruhige Bewegung und Naturgenuss. Doch die Realität ist eine andere. Graben, Harken, Rasenmähen, Hecken schneiden — all das ist echte körperliche Arbeit.
Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie zeigt: Schwere Gartenarbeit kann die Herzfrequenz auf über hundertfünfzig Schläge pro Minute treiben. Das entspricht einem zügigen Lauf. Für einen sechzigjährigen Menschen bedeutet das eine erhebliche Belastung — besonders dann, wenn das Herz monatelang wenig gefordert wurde.
###
Der Winterschlaf des Herzens
In den Wintermonaten bewegen wir uns weniger. Das ist normal. Unser Körper gewöhnt sich an Ruhe. Das Herz wird weniger trainiert. Wenn dann plötzlich im Mai die erste intensive Gartenarbeit beginnt, trifft die Belastung ein unvorbereitetes Herz.
Ich erinnere mich an meinen Patienten Herrn B., einen rüstigen, fünfundsechzigjährigen ehemaligen Lehrer aus Hamburg-Wandsbek. Er hatte ein ganzes Wochenende damit verbracht, seinen großen Garten nach dem Winter herzurichten. Am Sonntagabend kam er mit Brustenge und Kurzatmigkeit in die Notaufnahme. Sein Herz hatte schlicht zu viel auf einmal bekommen. Glücklicherweise war es kein Herzinfarkt — aber es war ein deutliches Warnsignal.
###
Welche Tätigkeiten besonders belasten
Nicht alle Gartenarbeiten sind gleich belastend. Hier ist eine Übersicht, geordnet von leicht bis schwer:
**Leichte Belastung:**
- Blumen gießen
- Säen und Pikieren
- Unkraut jäten im Sitzen oder mit Kniepad
- Ernten von Obst und Gemüse
**Mittlere Belastung:**
- Rasenmähen mit Elektromäher
- Harken und Rechen
- Bepflanzen von Beeten
- Leichte Pflanzarbeiten
**Schwere Belastung:**
- Umgraben mit dem Spaten
- Hecken schneiden, besonders über Kopfhöhe
- Schwere Säcke und Töpfe tragen
- Bäume schneiden und Äste entfernen
- Rasenmähen an Hängen
Wichtiger Hinweis: Tätigkeiten über dem Kopf sind für das Herz besonders anstrengend. Das Blut muss gegen die Schwerkraft nach oben gepumpt werden. Das kostet das Herz deutlich mehr Kraft.
—
##
Die richtige Herzfrequenz beim Gärtnern kennen
Ihr Herz sendet Signale — wenn Sie wissen, wie Sie sie lesen. Die Herzfrequenz ist dabei Ihr wichtigstes Instrument. Als Faustregel gilt die sogenannte maximale Herzfrequenz. Sie wird so berechnet: zweihundertzwanzig minus Ihr Lebensalter. Für einen sechzigjährigen Menschen beträgt sie also hundertundsechzig Schläge pro Minute.
Bei normaler Gartenarbeit sollten Sie jedoch nicht mehr als fünfzig bis sechzig Prozent dieser Maximalfrequenz erreichen. Für jemanden mit sechzig Jahren sind das also höchstens sechsundneunzig Schläge pro Minute.
###
So messen Sie Ihre Herzfrequenz einfach selbst
- Legen Sie zwei Finger auf die Innenseite Ihres Handgelenks.
- Zählen Sie die Schläge fünfzehn Sekunden lang.
- Multiplizieren Sie diese Zahl mit vier.
- Das ist Ihre aktuelle Herzfrequenz pro Minute.
Noch einfacher: Viele moderne Armbanduhren und Smartwatches messen die Herzfrequenz automatisch. Das ist eine gute Investition für aktive Seniorinnen und Senioren. Pulsmessgeräte gibt es bereits ab zwanzig Euro in Apotheken und Sanitätshäusern.
###
Der Sprechtest — ein bewährter Trick aus meiner Praxis
Sie haben kein Messgerät zur Hand? Dann nutzen Sie den sogenannten Sprechtest. Er ist einfach und zuverlässig. Wenn Sie während der Gartenarbeit noch normal sprechen können, ohne zu keuchen, ist die Belastung angemessen. Wenn Sie nur noch einzelne Wörter herausbringen, arbeiten Sie zu intensiv. Dann ist es Zeit für eine Pause.
—
##
Herzerkrankungen und Gartenarbeit: Was Sie wissen müssen
Viele Menschen ab sechzig Jahren haben eine bestehende Herzerkrankung. Laut Statistiken des Robert Koch-Instituts leidet etwa jeder dritte Mensch zwischen sechzig und siebzig Jahren an einem Bluthochdruck. Rund zwölf Prozent dieser Altersgruppe haben bereits eine diagnostizierte koronare Herzkrankheit, also eine Verengung der Herzgefäße.
Für diese Menschen gelten besondere Regeln beim Gärtnern. Das bedeutet aber nicht, dass Sie gar nicht gärtnern dürfen. Im Gegenteil: Moderate körperliche Aktivität im Freien ist sogar empfehlenswert. Aber sie muss gut geplant sein.
###
Wenn Sie Herzmedikamente nehmen
Bestimmte Herzmedikamente beeinflussen die Herzfrequenz. Sogenannte Betablocker — Medikamente, die den Herzschlag verlangsamen — verändern zum Beispiel den Pulsmessungswert erheblich. Bei Menschen, die Betablocker nehmen, sagt die reine Herzfrequenz weniger aus.
Mein dringender Rat: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin. Fragen Sie explizit: „Wie viel Gartenarbeit ist für mich in Ordnung?“ Diese Frage wird viel zu selten gestellt — und zu selten beantwortet.
###
Nach einem Herzinfarkt oder einer Herzoperation
Ich erlebe es regelmäßig in meiner Sprechstunde: Patienten, die gerade einen Herzinfarkt überstanden haben, fragen nach einigen Wochen, ob sie wieder in den Garten dürfen. Die Antwort lautet grundsätzlich ja — aber in sehr kleinen Schritten. In den ersten drei Monaten nach einem Herzinfarkt sind nur leichteste Tätigkeiten erlaubt. Kein Graben, kein schweres Tragen.
Eine Herzrehabilitation — das sogenannte Reha-Programm nach einem Herzereignis — bereitet Sie systematisch und sicher auf körperliche Belastungen vor. Nutzen Sie dieses Angebot, wenn es Ihnen gemacht wird.
—
##
Die größten Fehler beim Gärtnern im Mai — und wie Sie sie vermeiden
In fünfunddreißig Jahren als Kardiologe habe ich bestimmte Muster immer wieder gesehen. Diese Fehler passieren häufig — und sie lassen sich leicht vermeiden.
###
Fehler eins: Zu viel auf einmal
Der schöne Maitag verführt dazu, alles auf einmal erledigen zu wollen. Der Rasen mähen, die Beete umgraben, die Hecke schneiden — alles an einem Tag. Das ist für das Herz ab sechzig Jahren oft zu viel.
Besser: Verteilen Sie die Arbeit auf mehrere Tage. Planen Sie täglich höchstens ein bis zwei schwere Aufgaben. Die Natur läuft nicht weg.
###
Fehler zwei: In der Mittagshitze arbeiten
Im Mai kann es mittags bereits zwanzig bis fünfundzwanzig Grad warm werden. Hitze belastet das Herz zusätzlich. Der Körper muss gleichzeitig Wärme abgeben und körperliche Arbeit leisten — das ist eine doppelte Belastung.
Besser: Arbeiten Sie morgens zwischen acht und elf Uhr oder abends ab siebzehn Uhr. Die Mittagszeit zwischen zwölf und sechzehn Uhr sollten Sie meiden.
###
Fehler drei: Zu wenig trinken
Viele ältere Menschen spüren Durst schwächer als jüngere. Das ist eine biologische Tatsache. Gleichzeitig schwitzt der Körper bei Gartenarbeit. Flüssigkeitsmangel lässt das Blut dickflüssiger werden. Das Herz muss dann stärker pumpen.
Besser: Trinken Sie vor der Gartenarbeit ein großes Glas Wasser. Nehmen Sie eine Flasche mit in den Garten. Trinken Sie alle zwanzig Minuten, auch wenn Sie keinen Durst haben. Mindestens eineinhalb Liter täglich sind bei körperlicher Arbeit im Mai empfehlenswert.
###
Fehler vier: Pausen als Schwäche verstehen
Ich höre es oft: „Ich wollte keine Schwäche zeigen.“ Oder: „Früher habe ich das ohne Pause geschafft.“ Diese Denkweise ist gefährlich. Pausen sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind medizinische Notwendigkeit.
**Meine Empfehlung für Pausen:**
- Nach dreißig Minuten Gartenarbeit: fünf bis zehn Minuten Pause.
- Nach insgesamt zwei Stunden: eine längere Pause von mindestens dreißig Minuten.
- Setzen Sie sich wirklich hin — stehen ist keine echte Pause.
- Trinken Sie in jeder Pause.
###
Fehler fünf: Alarmsignale ignorieren
Dieser Fehler ist der gefährlichste von allen. Wenn der Körper während der Gartenarbeit Warnsignale sendet, werden sie manchmal als „normale Erschöpfung“ abgetan. Das kann lebensgefährlich sein.
—
⚠ Wann sofort zum Arzt?
- Brustenge oder Druck in der Brust — auch wenn er nach kurzer Pause nachlässt.
- Schmerzen im linken Arm, im Kiefer oder im Rücken — diese können Herzinfarkt-Zeichen sein.
- Plötzliche starke Atemnot — die nicht durch eine kurze Pause besser wird.
- Schwindel oder drohende Ohnmacht — sofort hinsetzen und Notruf verständigen.
- Herzrasen oder unregelmäßiger Puls — der sich nicht nach fünf Minuten Ruhe normalisiert.
- Plötzliche Übelkeit in Verbindung mit Schwäche — kann ebenfalls Herzzeichen sein.
Im Zweifelsfall: Rufen Sie sofort den Notruf 112 an. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.
—
##
Gartenarbeit als echte Herztherapie — wenn Sie es richtig machen
Jetzt möchte ich Ihnen etwas sehr Ermutigendes sagen. Gartenarbeit — richtig dosiert — ist eine der besten Aktivitäten für das Herz ab sechzig. Das ist keine Beruhigung, das ist Wissenschaft.
Eine große britische Studie mit über sechzigtausend Teilnehmenden zeigte: Regelmäßige moderate körperliche Aktivität im Freien senkt das Herzinfarktrisiko um bis zu dreißig Prozent. Gartenarbeit wurde dabei explizit als förderliche Aktivität genannt.
Zudem verbessert die Arbeit im Freien die Stimmung erheblich. Tageslicht regt die Produktion von Serotonin an — dem sogenannten Glückshormon. Und gute Stimmung ist nachweislich gut für das Herz. Menschen mit depressiven Verstimmungen haben ein deutlich erhöhtes Herzerkrankungsrisiko.
###
Die psychologische Wirkung des Gartens auf das Herz
Ich habe in meiner Praxis über die Jahrzehnte beobachtet: Menschen, die einen Garten haben und ihn pflegen, wirken ausgeglichener. Ihr Blutdruck ist oft stabiler. Sie schlafen besser. Sie haben ein Ziel vor Augen — die blühende Rose, die reifen Tomaten, der gepflegte Rasen.
Diese psychologische Komponente ist für die Herzgesundheit nicht zu unterschätzen. Stress ist einer der größten Herzfeinde. Der Garten baut Stress ab — aber nur, wenn die körperliche Belastung stimmt.
###
Herzgerechtes Gärtnern: So geht es richtig
- Beginnen Sie die Gartensaison langsam — steigern Sie die Belastung über Wochen.
- Wechseln Sie schwere und leichte Tätigkeiten ab.
- Nutzen Sie gutes Werkzeug — es schont Kraft und Gelenke.
- Arbeiten Sie, wenn möglich, mit jemandem zusammen — aus Sicherheit und aus Freude.
- Hören Sie auf Ihren Körper — er spricht zu Ihnen, wenn Sie zuhören.
—
💡 Alltagstipps von Dr. Karl Hoffmann, Kardiologe
- Warmup nicht vergessen: Beginnen Sie mit fünf Minuten ruhigem Gehen durch den Garten. Dann erst an die Arbeit.
- Morgens starten: Planen Sie schwere Gartenarbeit für den kühlen Vormittag — zwischen acht und elf Uhr.
- Wasserflasche mitnehmen: Stellen Sie sich eine Flasche gut sichtbar in den Garten. Trinken alle zwanzig Minuten.
- Hut aufsetzen: Ein Sonnenhut schützt vor Überhitzung — und schont damit das Herz.
- Kniehocker nutzen: Kniehockerhocker oder Gartenkissen entlasten den Körper und ermöglichen entspannteres Arbeiten.
- Pulsuhr anlegen: Eine günstige Pulsuhr zeigt Ihnen in Echtzeit, wie Ihr Herz gerade arbeitet.
- Stopp-Regel einführen: Vereinbaren Sie mit sich selbst: Bei drei Stunden Gartenarbeit ist für heute Schluss — egal wie gut es läuft.
—
Häufige Fragen
Darf ich nach einem Herzinfarkt überhaupt noch im Garten arbeiten?
Ja — aber nicht sofort und nicht alles. Nach einem Herzinfarkt empfehle ich meinen Patienten, in den ersten sechs Wochen nur allerhöchstens leichte Tätigkeiten zu erledigen: Blumen gießen, etwas ernten, ruhig im Garten spazieren gehen. Ab dem zweiten Monat können — je nach Genesungsfortschritt — schrittweise schwerere Tätigkeiten hinzukommen. Die Herzrehabilitation gibt Ihnen dabei sehr konkrete Orientierungswerte. Sprechen Sie bitte immer zuerst mit Ihrem behandelnden Arzt, bevor Sie nach einem Herzinfarkt körperlich aktiv werden. Jeder Mensch ist anders — eine persönliche ärztliche Einschätzung ist unersetzlich.
Wie lange darf ich am Stück im Garten arbeiten, wenn ich Herzprobleme habe?
Das hängt von Ihrer persönlichen Situation ab. Als allgemeine Orientierung gilt: Arbeiten Sie nicht länger als dreißig Minuten ohne Pause. Bei bekannten Herzproblemen empfehle ich sogar Pausen alle zwanzig Minuten — kurz innehalten, hinsetzen, trinken, Puls fühlen. Die Gesamtdauer der Gartenarbeit pro Tag sollte bei Menschen mit Herzerkrankungen anfänglich nicht mehr als zwei Stunden betragen. Steigern Sie diese Dauer nur ganz allmählich über mehrere Wochen. Ihr Körper gibt Ihnen dabei das beste Feedback — hören Sie genau hin.
Ist Rasenmähen wirklich so anstrengend für das Herz?
Das kommt sehr auf den Rasen und das Gerät an. Ein kleiner, flacher Rasen mit einem leichten Elektromäher ist moderate Belastung — ähnlich einem flotten Spaziergang. Ein großer Garten mit einem schweren Benzinmäher an Hängen und Steigungen kann dagegen eine erhebliche Herzbelastung sein. Messungen haben gezeigt, dass die Herzfrequenz beim Rasenmähen an Hängen auf hundertdreißig bis hundertfünfzig Schläge pro Minute ansteigen kann. Wenn Sie unsicher sind, lassen Sie Ihren Puls beim Mähen einmal messen. Oder übergeben Sie diese Aufgabe — das ist keine Niederlage, sondern Vernunft.
Mein Arzt hat mir Betablocker verschrieben. Kann ich meinen Puls trotzdem als Orientierung nutzen?
Das ist eine sehr wichtige Frage. Betablocker senken die Herzfrequenz künstlich. Das bedeutet: Ihr Puls wird auch bei starker Belastung nicht so hoch ansteigen wie normal. Die übliche Berechnung der maximalen Herzfrequenz gilt für Sie daher nicht mehr zuverlässig. Als Orientierung empfehle ich Ihnen stattdessen den Sprechtest: Können Sie noch gut sprechen, ist die Belastung in Ordnung. Wird das Sprechen schwer, ist es zu viel. Fragen Sie außerdem Ihren Arzt nach einer angepassten Ziel-Herzfrequenz speziell für Sie. Diese wichtige Information bekommt nicht jeder Patient automatisch mitgeteilt.
Sollte ich vor der ersten großen Gartenarbeit im Mai zum Arzt gehen?
Wenn Sie über sechzig Jahre alt sind und bekannte Herzprobleme haben — dann lautet meine Antwort:


