Koronare Herzkrankheit ab 60: Was Senioren jetzt wissen müssen

Medizinisch geprüft — Dr. Karl Hoffmann, Kardiologe 9 Min Lesezeit

Wenn ich in meiner Praxis einem Patienten Mitte sechzig erstmals erkläre, dass seine Herzgefäße verengt sind, erlebe ich immer wieder dieselbe Reaktion: Ungläubigkeit, gefolgt von der Frage „Aber ich fühle mich doch gar nicht krank?“ Genau das macht die koronare Herzkrankheit so heimtückisch – und so gefährlich. Nach drei Jahrzehnten als Internist und Geriater möchte ich Ihnen heute erklären, was hinter dieser Diagnose wirklich steckt, welche modernen Erkenntnisse wir haben, und vor allem: Was Sie konkret tun können.

Was ist die koronare Herzkrankheit überhaupt?

Die koronare Herzkrankheit – kurz KHK – entsteht, wenn sich die Herzkranzgefäße, also jene feinen Arterien, die den Herzmuskel selbst mit Sauerstoff versorgen, durch Ablagerungen verengen. Diese Ablagerungen, medizinisch Plaques genannt, bestehen aus Cholesterin, Kalk und Entzündungszellen. Das Tückische: Dieser Prozess beginnt oft schon im dritten oder vierten Lebensjahrzehnt und schreitet über Jahrzehnte still voran.

Ab 60 sind die Folgen dieser langen Entwicklung häufig erstmals spürbar – oder sie äußern sich direkt als Herzinfarkt, ohne jede Vorwarnung. In Deutschland leben nach Schätzungen des Statistischen Bundesamts etwa 5 bis 6 Millionen Menschen mit einer diagnostizierten KHK. Die Erkrankung ist bei Menschen über 65 die häufigste Todesursache überhaupt, und Männer erkranken im Schnitt etwa zehn Jahre früher als Frauen – wobei Frauen nach den Wechseljahren aufholen.

Wie äußert sich die KHK – und warum übersehen Senioren Symptome oft

Das klassische Symptom der KHK ist die Angina pectoris: ein Druckgefühl, ein Engegefühl oder ein Brennen hinter dem Brustbein, das typischerweise bei körperlicher Belastung oder emotionalem Stress auftritt und in den linken Arm, den Kiefer oder den Rücken ausstrahlen kann. So steht es in jedem Lehrbuch. Was viele jedoch nicht wissen: Bei Menschen über 65 – besonders bei Frauen und bei Diabetikern – fehlen diese klassischen Beschwerden häufig vollständig.

Stattdessen berichten ältere Patienten oft über unspezifische Erschöpfung, Kurzatmigkeit beim Treppensteigen, Übelkeit oder ein allgemeines Unwohlsein. Ich habe Patientinnen erlebt, die einen Herzinfarkt als „Magenverstimmung“ abgetan haben – und damit wertvolle Stunden verloren. Laut einer großen deutschen Registerstudie (MONICA/KORA-Studie, Langzeitdaten bis 2021) verlaufen bis zu 30 Prozent aller Herzinfarkte bei älteren Patienten sogenannt „stumm“, also nahezu ohne typische Schmerzsymptomatik.

Symptome, die Sie ernst nehmen sollten

  • Druck- oder Engegefühl in der Brust, besonders unter Belastung
  • Atemnot bei Aktivitäten, die früher keine Probleme machten
  • Ungewöhnliche Erschöpfung, die über normales Altern hinausgeht
  • Schmerzen oder Taubheitsgefühl in linkem Arm, Schulter, Kiefer oder Rücken
  • Schwindel oder kurze Ohnmachtsneigung ohne klare andere Ursache
  • Herzrasen oder unregelmäßiger Herzschlag, neu aufgetreten

Warum das Alter selbst ein Risikofaktor ist

Viele meiner Patienten fragen, ob sie irgendetwas „falsch gemacht“ haben. Die ehrliche Antwort: Das Altern selbst verändert die Gefäße. Mit jedem Lebensjahrzehnt werden die Arterienwände steifer, die Endothelzellen – jene dünne Schicht, die die Gefäßinnenwände auskleidet – werden anfälliger für Entzündungen, und der Körper repariert Schäden langsamer.

Hinzu kommen die klassischen Risikofaktoren, die sich bei vielen Menschen über 60 angehäuft haben:

  • Bluthochdruck: Über 60-Jährige haben in Deutschland zu etwa 70 Prozent einen behandlungsbedürftigen Bluthochdruck – viele davon wissen es nicht.
  • Typ-2-Diabetes: Tritt bei etwa 25 Prozent aller über 65-Jährigen auf und verdoppelt das KHK-Risiko.
  • Erhöhte Blutfette: Besonders LDL-Cholesterin über 130 mg/dl ist problematisch.
  • Rauchen (auch früheres): Wer jahrelang geraucht hat, trägt das erhöhte Risiko noch Jahrzehnte.
  • Bewegungsmangel und Übergewicht: Beides verstärkt Entzündungsprozesse in den Gefäßen.

Laut der ESC-Leitlinie zur chronischen Koronarsyndrom (2019, aktualisiert 2023) soll bei der Behandlung der KHK nicht nur das einzelne Symptom, sondern das gesamte kardiovaskuläre Risikoprofil des Patienten betrachtet werden – ein Ansatz, der bei älteren Patienten besonders wichtig ist, da sie oft mehrere Erkrankungen gleichzeitig haben.

Diagnose: Was erwartet Sie beim Arzt?

Die Diagnose einer KHK beginnt mit einem ausführlichen Gespräch über Ihre Symptome und Ihre Krankengeschichte – unterschätzen Sie diesen Schritt nicht. Danach folgen in der Regel ein Ruhe-EKG, ein Belastungs-EKG (sofern Sie körperlich dazu in der Lage sind) und Blutuntersuchungen, die unter anderem Cholesterinwerte, Blutzucker und Herzenzyme messen.

Wenn der Verdacht erhärtet ist, wird oft ein Herzultraschall (Echokardiografie) durchgeführt, der zeigt, wie gut der Herzmuskel pumpt. Der Goldstandard für die direkte Darstellung verengter Koronararterien ist die Herzkatheteruntersuchung, die heute minimal-invasiv und sehr sicher durchgeführt wird. Alternativ kommt zunehmend die CT-Koronarangiografie zum Einsatz – eine strahlenbasierte Methode, die ohne Katheter auskommt und besonders für die erste Abklärung bei stabiler Angina geeignet ist.

Die DEGAM-Leitlinie Brustschmerz (2021, aktualisiert 2023) empfiehlt ausdrücklich, dass Hausärzte bei Patienten ab 60 mit unklarer Erschöpfung oder Belastungsdyspnoe aktiv an eine KHK denken und entsprechende Diagnostik einleiten sollen – auch wenn keine klassische Angina-pectoris-Symptomatik vorliegt.

Behandlung: Mehr Möglichkeiten als viele denken

Die gute Nachricht: Die KHK ist behandelbar, und wir haben heute deutlich bessere Werkzeuge als noch vor zwanzig Jahren. Die Behandlung folgt einem Dreiklang aus Lebensstiländerungen, Medikamenten und – wenn nötig – einem Eingriff.

1. Lebensstiländerungen: Der unterschätzte Faktor

Ich erlebe immer wieder, dass Patienten über 70 denken, es sei „zu spät“ für Lebensstiländerungen. Das stimmt schlicht nicht. Eine Metaanalyse aus dem Lancet (2022) mit über 170.000 Patienten zeigte, dass regelmäßige körperliche Aktivität auch bei über 70-Jährigen mit bestehender KHK die kardiovaskuläre Sterblichkeit um bis zu 35 Prozent senkt. Schon 150 Minuten moderates Gehen pro Woche machen einen messbaren Unterschied.

Ebenso wichtig: Eine herzgesunde Ernährung, die reich an Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten und Olivenöl ist – also im Wesentlichen mediterrane Kost. Rauchen aufzugeben lohnt sich in jedem Alter, das belegen Daten eindeutig.

2. Medikamente: Was sie leisten und worauf Sie achten sollten

Die medikamentöse Behandlung der KHK umfasst typischerweise:

  • Thrombozytenaggregationshemmer (z.B. Aspirin oder Clopidogrel): verhindern Blutgerinnsel
  • Statine: senken LDL-Cholesterin und stabilisieren Plaques
  • Betablocker: senken den Sauerstoffbedarf des Herzens
  • ACE-Hemmer oder Sartane: schützen Herz und Gefäße langfristig
  • Nitrate: wirken akut gegen Angina-pectoris-Anfälle

Bei Senioren ist besondere Vorsicht geboten: Ältere Menschen nehmen oft fünf oder mehr Medikamente gleichzeitig. Ich empfehle meinen Patienten ausdrücklich, mindestens einmal jährlich alle Medikamente gemeinsam mit dem Arzt zu überprüfen – auf Wechselwirkungen, Dosierungen und ob jedes einzelne noch notwendig ist.

3. Interventionen: Stent und Bypass

Wenn medikamentöse Therapie nicht ausreicht oder eine kritische Verengung vorliegt, kann durch eine Herzkatheter-Intervention ein Stent (eine Art Metallgitter-Röhrchen) eingesetzt werden, das die Arterie offenhält. Bei mehreren schweren Verengungen ist manchmal eine Bypass-Operation die bessere Lösung. Auch diese Eingriffe werden heute erfolgreich bei über 80-Jährigen durchgeführt – das Alter allein ist kein Ausschlusskriterium.

Praktische Checkliste: Ihre KHK-Vorsorge ab 60

  • Blutdruck regelmäßig messen – Zielwert unter 130/80 mmHg (nach individuellem Arzturteil)
  • Blutfette (LDL) und Blutzucker mindestens jährlich kontrollieren lassen
  • Kardiovaskulären Risiko-Check beim Hausarzt ansprechen (ARRIBA-Tool oder SCORE2)
  • Tägliche Bewegung: mindestens 30 Minuten moderate Aktivität, 5x pro Woche
  • Alle Medikamente in einer Liste führen und regelmäßig mit dem Arzt besprechen
  • Nikotin konsequent meiden – auch Passivrauchen schadet den Gefäßen
  • Stressbewältigung aktiv angehen: Chronischer Stress erhöht nachweislich das KHK-Risiko
  • Notfallplan erstellen: Wissen Sie, was Sie bei plötzlichen Brustschmerzen tun sollen?
  • Impfungen aktuell halten: Grippe und Pneumokokken schützen das Herz indirekt

Leben mit der KHK: Was möglich bleibt

Eine KHK-Diagnose ist kein Todesurteil und auch kein Rückzug aus dem aktiven Leben. Ich beobachte in meiner Praxis täglich, wie Patienten mit gut eingestellter KHK reisen, Sport treiben, Enkel betreuen und ein erfülltes Leben führen. Der Schlüssel liegt in konsequenter, langfristiger Behandlung und einem Selbstverständnis als aktiver Partner in der eigenen Gesundheitsversorgung – nicht als passiver Empfänger von Tabletten.

Sprechen Sie offen mit Ihrem Arzt über Ihre Ziele, Ihre Ängste und Ihre Lebensqualität. Gute Medizin bei KHK bedeutet heute nicht nur, Herzinfarkte zu verhindern, sondern Ihnen ein Leben zu ermöglichen, das sich lohnt.


Häufige Fragen zur koronaren Herzkrankheit (FAQ)

❓ Kann man eine KHK rückgängig machen, oder ist der Schaden dauerhaft?

Das ist eine der Fragen, die mir Patienten am häufigsten stellen – und die Antwort ist differenziert. Vollständig „rückgängig“ machen lässt sich eine fortgeschrittene KHK nicht. Kalzifizierte Plaques in den Gefäßen bleiben bestehen. Was jedoch eindeutig belegt ist: Durch konsequente Therapie – vor allem LDL-Senkung mit Statinen auf Werte unter 70 mg/dl bei Hochrisikopatienten – können Plaques stabilisiert werden. Das bedeutet, sie werden weniger anfällig dafür, aufzureißen und einen Herzinfarkt auszulösen. Manche Studien zeigen sogar eine leichte Reduktion der Plaquegröße bei sehr aggressiver Lipidtherapie. Das Gefäßsystem hat zudem eine bemerkenswerte Fähigkeit, Kollateralgefäße zu bilden – neue kleine Umgehungsstraßen, die teilweise verengten Abschnitten ausweichen. Regelmäßige Bewegung fördert diese Kollateralisierung nachweislich. Die wichtigste Botschaft: Es ist nie zu spät, anzufangen. Jede Verbesserung im Risikoprofil verbessert die Prognose.

❓ Darf ich mit einer KHK noch Sport treiben, oder ist das zu gefährlich?

Nicht nur erlaubt – Sport ist bei KHK medizinisch ausdrücklich empfohlen. Die Befürchtung vieler Patienten, Bewegung könnte das Herz gefährden, ist verständlich, aber in dieser Pauschalität falsch. Körperliche Inaktivität ist selbst ein eigenständiger Risikofaktor für Herzinfarkte. Nach einem Herzinfarkt oder einem Eingriff empfehlen wir eine kardiale Rehabilitation, also ein strukturiertes Aufbauprogramm unter medizinischer Aufsicht. Danach sollten Sie dauerhaft aktiv bleiben: Ausdauersport wie Spazierengehen, Radfahren, Schwimmen oder Nordic Walking in moderater Intensität ist ideal. Die Faustregel: Sie sollten sich beim Sport noch unterhalten können (sogenannte „Schnaufergrenze“). Krafttraining in moderater Ausführung ist ebenfalls sicher und sinnvoll. Was Sie vermeiden sollten: explosive, maximale Belastungen, insbesondere in der Kälte oder nach schweren Mahlzeiten. Sprechen Sie vor dem Beginn eines neuen Sportprogramms immer mit Ihrem Kardiologen – ein Belastungs-EKG gibt Sicherheit.

❓ Warum haben Frauen nach der Menopause plötzlich ein höheres KHK-Risiko?

Diese Frage ist biologisch sehr interessant und klinisch äußerst relevant. Östrogen schützt die Blutgefäße auf mehrere Weisen: Es fördert die Produktion von Stickoxid, einem gefäßerweiternden Stoff, wirkt antientzündlich auf die Gefäßwände und verbessert das Cholesterinprofil (hebt HDL-Cholesterin an, senkt LDL). Mit dem Abfall des Östrogenspiegels in der Menopause – durchschnittlich um das 51. Lebensjahr, bei manchen Frauen später – fällt dieser Schutzeffekt weg. Gleichzeitig verschlechtert sich häufig das Blutfettmuster, der Blutdruck steigt und die Körperfettverteilung verändert sich zugunsten des gefährlicheren Bauchfetts. Das erklärt, warum die KHK-Häufigkeit bei Frauen ab 65 dramatisch ansteigt. Hinzu kom

Dr. med. Karl Hoffmann

Facharzt für Innere Medizin & Geriatrie · 30 Jahre Erfahrung · Medizinischer Leiter von ueber60plus.de

Dieser Artikel wurde medizinisch geprüft und entspricht den aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin.

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