Herzrhythmusstörungen bei Senioren: Erkennen, Verstehen & Behandeln

Medizinisch geprüft — Dr. Karl Hoffmann, Kardiologe 9 Min Lesezeit

Als Internist und Geriater erlebe ich es fast täglich: Ein Patient kommt zu mir, beschreibt ein seltsames „Flattern“ in der Brust oder das Gefühl, das Herz würde kurz „stolpern“ – und hat das schon seit Wochen ignoriert, weil er dachte, das gehöre eben zum Älterwerden. Diese Annahme kann gefährlich sein. Herzrhythmusstörungen sind im Alter häufig, aber sie sind keineswegs immer harmlos, und vor allem: Sie sind in vielen Fällen sehr gut behandelbar.

In diesem Artikel erkläre ich Ihnen, was hinter dem Begriff „Herzrhythmusstörung“ wirklich steckt, wie Sie sie erkennen, wann Sie sofort handeln müssen – und welche modernen Behandlungsmöglichkeiten es heute gibt.

Was sind Herzrhythmusstörungen eigentlich?

Das gesunde Herz schlägt in einem gleichmäßigen Rhythmus – zwischen 60 und 100 Mal pro Minute, angetrieben durch ein komplexes elektrisches System. Wenn dieses System aus dem Takt gerät, spricht man von einer Herzrhythmusstörung (Arrhythmie). Das Herz kann dabei zu schnell, zu langsam oder unregelmäßig schlagen.

Diese Störungen können im Vorhof oder in der Herzkammer entstehen, können kurz aufflackern oder dauerhaft bestehen. Manche bemerken Sie kaum, andere können einen Schlaganfall oder einen plötzlichen Herzstillstand auslösen. Die Bandbreite ist enorm – und genau deshalb ist eine sorgfältige ärztliche Einordnung so wichtig.

Wie häufig sind Herzrhythmusstörungen bei Menschen ab 60?

Hier lohnt sich ein Blick auf die Zahlen. Vorhofflimmern – die häufigste behandlungsbedürftige Rhythmusstörung überhaupt – betrifft in Deutschland schätzungsweise 1,8 Millionen Menschen. Laut einer Analyse aus dem DEGAM-Positionspapier zur Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern (2022) steigt die Prävalenz ab 65 Jahren rapide an: Während in der Gesamtbevölkerung etwa 2 Prozent betroffen sind, liegt der Anteil bei den über 70-Jährigen bereits bei 10 bis 15 Prozent, bei den über 80-Jährigen sogar bei über 20 Prozent.

Das bedeutet im Klartext: Wenn Sie 75 Jahre alt sind und in einem Wartezimmer mit zehn Gleichaltrigen sitzen, sind statistisch gesehen ein bis zwei von Ihnen von Vorhofflimmern betroffen – möglicherweise ohne es zu wissen.

Die wichtigsten Arten von Herzrhythmusstörungen im Überblick

Vorhofflimmern – der häufigste Kandidat

Bei Vorhofflimmern ziehen sich die Herzvorhöfe nicht mehr koordiniert zusammen, sondern „flimmern“ unregelmäßig. Das Herz schlägt dadurch unregelmäßig und oft zu schnell. Das eigentlich Gefährliche: In den Vorhöfen können sich Blutgerinnsel bilden, die bei Ausschwemmung einen Schlaganfall verursachen. Das Risiko ist ohne Behandlung bis zu fünffach erhöht.

Bradykardien – wenn das Herz zu langsam schlägt

Ein Puls unter 50 Schlägen pro Minute kann harmlos sein – bei trainierten Ausdauersportlern ist er es oft. Im Alter jedoch, besonders in Verbindung mit Schwindel, Ohnmacht oder rascher Erschöpfung, weist eine Bradykardie häufig auf eine Fehlfunktion des Sinusknotens oder einen AV-Block hin. Hier wird oft ein Herzschrittmacher notwendig.

Ventrikuläre Tachykardien – die ernsthafteste Form

Schnelle Herzrhythmusstörungen, die aus den Herzkammern stammen, können lebensbedrohlich sein. Sie treten häufig auf dem Boden einer koronaren Herzerkrankung oder nach einem Herzinfarkt auf und erfordern umgehende medizinische Behandlung.

Harmlose „Extraschläge“

Viele Patienten berichten von kurzen Herzstolperern oder dem Gefühl, „das Herz setzt einen Schlag aus“. In den meisten Fällen handelt es sich um sogenannte Extrasystolen – einzelne Extraschläge aus den Vorhöfen oder Kammern. Diese sind bei herzgesunden Menschen in der Regel harmlos, sollten aber einmalig abgeklärt werden.

Symptome: Was Ihr Körper Ihnen sagt

Die Tücke bei Herzrhythmusstörungen liegt darin, dass die Symptome sehr unterschiedlich sein können – und dass Vorhofflimmern in bis zu 30 Prozent der Fälle völlig ohne Beschwerden verläuft (sogenanntes „stilles“ Vorhofflimmern). Typische Beschwerden, die Sie ernst nehmen sollten:

  • Herzrasen oder -stolpern, oft plötzlich einsetzend
  • Unregelmäßiger Puls, den Sie selbst am Handgelenk ertasten können
  • Schwindel oder Benommenheit, besonders beim Aufstehen
  • Kurzatmigkeit bei geringer Belastung oder in Ruhe
  • Brustdruck oder ein Engegefühl in der Brust
  • Ungewöhnliche Müdigkeit oder Leistungsknick
  • Kurze Ohnmacht oder Beinahe-Ohnmacht (sogenannte Synkopen)

Besonders wichtig: Wenn Sie einen plötzlichen Bewusstseinsverlust haben, sollte das immer kardiologisch abgeklärt werden. Eine Studie im European Heart Journal (2019, Brignole et al.) zeigte, dass bei 17 Prozent der Patienten über 65 mit ungeklärter Synkope eine vorher nicht bekannte Rhythmusstörung der Auslöser war.

Diagnose: So wird eine Rhythmusstörung festgestellt

Das klassische Ruhe-EKG beim Hausarzt ist der erste Schritt – aber auch ein limitierter. Denn viele Rhythmusstörungen treten nur anfallsweise auf und werden im kurzen Ruhe-EKG gar nicht erfasst.

Deshalb ist das Langzeit-EKG (24 bis 72 Stunden) oft deutlich aufschlussreicher. Bei Verdacht auf seltene Episoden können sogenannte Event-Rekorder implantiert werden – winzige Geräte unter der Haut, die das Herzrhythmus über Monate oder Jahre aufzeichnen. Laut der ESC-Leitlinie zur Diagnose und Behandlung von Vorhofflimmern (2020, aktualisiert 2023) sollte bei allen Patienten über 65 mit unklaren Beschwerden eine aktive Rhythmusüberwachung erwogen werden.

Ergänzend werden häufig eingesetzt:

  • Echokardiographie (Herzultraschall) – zur Beurteilung der Herzstruktur
  • Blutuntersuchungen – Schilddrüse, Elektrolyte, Blutbild (all diese Werte können Rhythmusstörungen auslösen)
  • Belastungs-EKG – um belastungsinduzierte Rhythmusstörungen aufzudecken

Behandlungsmöglichkeiten – was heute möglich ist

Die gute Nachricht: Die Medizin hat in den letzten 15 Jahren enorme Fortschritte gemacht. Hier ein Überblick über die wichtigsten Therapieansätze:

Blutverdünnung bei Vorhofflimmern

Die wichtigste Maßnahme beim Vorhofflimmern ab einem gewissen Risikoprofil ist die Antikoagulation – also die Hemmung der Blutgerinnung, um Schlaganfälle zu verhindern. Hier haben die sogenannten NOAK (Neue orale Antikoagulanzien) – wie Apixaban, Rivaroxaban oder Dabigatran – die alten Vitamin-K-Antagonisten (Marcumar) weitgehend abgelöst. Sie sind einfacher zu handhaben, erfordern seltener Kontrollen und haben ein günstigeres Risikoprofil. Eine Meta-Analyse im Lancet (2014, Ruff et al.) bestätigte, dass NOAK gegenüber Warfarin das Schlaganfallrisiko um weitere 19 Prozent senkten – bei gleichzeitig reduziertem Blutungsrisiko im Gehirn.

Frequenz- und Rhythmuskontrolle

Beim Vorhofflimmern gibt es zwei grundlegende Strategien: Die Frequenzkontrolle (das Herz darf im Flimmern bleiben, aber der Puls wird gebremst) und die Rhythmuskontrolle (Versuch, den normalen Sinusrhythmus wiederherzustellen). Betablocker, Digoxin oder Calciumantagonisten dienen der Frequenzkontrolle; Antiarrhythmika wie Amiodaron oder Flecainid der Rhythmuskontrolle.

Ablation – die moderne Kathetermethode

Die Katheterablation ist heute bei jüngeren und symptomatischen Patienten oft die Therapie der Wahl: Über einen Katheter werden die krankhaften elektrischen Impulse im Herzen gezielt „verödet“. Erfolgsraten von 60 bis 80 Prozent nach einem Eingriff sind realistisch, und bei wiederholten Eingriffen steigen sie weiter.

Herzschrittmacher und Defibrillatoren

Bei Bradykardien oder bestimmten Leitungsstörungen ist ein Schrittmacher oft unvermeidbar – und eine enorme Erleichterung für die Betroffenen. Moderne Geräte sind kaum größer als eine große Münze. Bei lebensbedrohlichen Kammertachykardien kann ein implantierbarer Defibrillator (ICD) Leben retten.

Praktische Checkliste: Was Sie selbst tun können

  • Puls regelmäßig messen – am besten täglich, idealerweise mit einem validierten Oberarmblutdruckmessgerät, das auch Vorhofflimmern erkennt
  • Auf Unregelmäßigkeiten achten – ein „taumelnder“ oder komplett ungleichmäßiger Puls ist ein Warnsignal
  • Medikamente gewissenhaft einnehmen – besonders Blutverdünner nie eigenmächtig absetzen
  • Alkohol reduzieren – Alkohol ist ein bekannter Auslöser von Vorhofflimmern, auch in moderaten Mengen
  • Koffein mit Maß – für die meisten unkritisch, bei bekannter Anfälligkeit aber einschränken
  • Schilddrüse kontrollieren lassen – Hyperthyreose ist ein klassischer, oft übersehener Auslöser
  • Schlafapnoe abklären lassen – sie verdoppelt das Risiko für Vorhofflimmern
  • Stress aktiv managen – chronischer Stress belastet das vegetative Nervensystem und begünstigt Rhythmusstörungen
  • Regelmäßige Bewegung – moderate Ausdauerbelastung (spazieren gehen, Rad fahren) schützt das Herz
  • Smartwatch oder Fitnessband mit EKG-Funktion – moderne Geräte können Vorhofflimmern erkennen; Befunde aber immer mit dem Arzt besprechen

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Frage 1: Mein Hausarzt hat bei mir Vorhofflimmern festgestellt, aber ich spüre nichts. Muss ich trotzdem behandelt werden?

Ja – und zwar dringend. Das sogenannte asymptomatische oder „stille“ Vorhofflimmern ist medizinisch genauso gefährlich wie die beschwerdebeladene Form. Das Schlaganfallrisiko ist identisch. Entscheidend für die Behandlung ist nicht, ob Sie Symptome haben, sondern Ihr individuelles Risikoprofil, berechnet nach dem CHA₂DS₂-VASc-Score. Dabei werden Faktoren wie Alter, Bluthochdruck, Diabetes, frühere Schlaganfälle und Herzerkrankungen bewertet. Ab einem Score von 2 bei Männern oder 3 bei Frauen wird eine Blutverdünnungstherapie dringend empfohlen. Bitte sprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber, wie hoch Ihr persönlicher Wert ist – das ist keine Frage, die aufgeschoben werden sollte.

Frage 2: Ich nehme Blutverdünner (Antikoagulanzien) und habe Angst vor starken Blutungen. Wie realistisch ist dieses Risiko?

Diese Sorge ist absolut verständlich und wird von meinen Patienten sehr häufig geäußert. Ja, Blutverdünner erhöhen das Blutungsrisiko – das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber die entscheidende Frage lautet: Was ist gefährlicher – ein Schlaganfall oder eine Blutung? In den meisten Fällen ist ein Schlaganfall deutlich invalidisierender und häufig tödlich. Die modernen NOAK haben im Vergleich zu den älteren Mitteln ein deutlich besseres Sicherheitsprofil, insbesondere für Hirnblutungen. Es gibt außerdem Gegenmittel (Antidote) für alle gängigen NOAK, falls eine Notoperation nötig wird. Das Blutungsrisiko wird über den sogenannten HAS-BLED-Score abgeschätzt. Wichtig: Ein hoher HAS-BLED-Score bedeutet nicht automatisch, dass Sie keine Blutverdünner bekommen – sondern dass bestehende Risikofaktoren (z. B. schlecht eingestellter Blutdruck) aktiver behandelt werden müssen. Sprechen Sie Ihre Bedenken offen an – und lassen Sie sich den Score erklären.

Frage 3: Kann ich mit Vorhofflimmern noch Sport treiben?

Absolut – und in der Regel sollten Sie es sogar. Körperliche Inaktivität ist selbst ein Risikofaktor für Vorhofflimmern und verschlechtert den Verlauf. Studien zeigen, dass moderates Ausdauertraining (Spazierengehen, Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen) die Häufigkeit und Dauer von Vorhofflimmer-Episoden sogar reduzieren kann. Eine wegweisende randomisierte Studie – die ACTIVE-AF-Studie (2023, Elliott et al.) – zeigte, dass intensiviertes Trainingsprogramm bei Patienten mit Vorhofflimmern die Episodenhäufigkeit um etwa 40 Prozent senkte, verglichen mit einem Kontrollprogramm. Was Sie vermeiden sollten: Extremsport, sehr intensive Intervalltrainingseinheiten oder Belastungen, die deutlichen Schwindel oder Herzrasen provozieren. Eine Belastungsuntersuchung vor dem Einstieg in ein Sportprogramm ist im Alter über 60 sinnvoll.

Frage 4: Mein Herz „stolpert“ manchmal kurz – ist das gefährlich?

In den meisten Fällen nein – aber es sollte abgeklärt werden. Das Gefühl, das Herz setzt kurz aus oder „hüpft“, geht meist auf Extrasystolen zurück. Das sind einzelne Extraschläge, die außerhalb des normalen Taktgebers entstehen. Bei herzgesunden Menschen ohne relevante Grunderkrankung sind sie benigne, also harmlos. Sie treten gehäuft auf bei Stress, nach Koffein- oder Alkoholkonsum, bei Schlafm

Dr. med. Karl Hoffmann

Facharzt für Innere Medizin & Geriatrie · 30 Jahre Erfahrung · Medizinischer Leiter von ueber60plus.de

Dieser Artikel wurde medizinisch geprüft und entspricht den aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin.

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Dr. Karl Hoffmann

✎ Geprüft von Dr. Karl Hoffmann

Dr. Karl Hoffmann ist Kardiologe und Internist mit über 25 Jahren Erfahrung in der Seniorenmedizin. Er hat an der Universität Heidelberg studiert und war langjährig als Chefarzt tätig. Seine Spezialgebiete umfassen Herzgesundheit, Blutdruckmanagement und altersgerechte Medikation. Alle medizinischen Inhalte auf Über60Plus.de werden von Dr. Hoffmann persönlich geprüft und freigegeben. Sein Ziel: verständliche, wissenschaftlich fundierte Gesundheitsinformationen für Menschen ab 60.

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