Als Internist und Geriater begegne ich in meiner täglichen Praxis immer wieder derselben beunruhigenden Situation: Ein Patient kommt zu mir, der seit Wochen oder sogar Monaten unter Luftnot leidet, abends geschwollene Beine hat und sich einfach nicht mehr richtig fit fühlt. Und dann stellt sich heraus: Es war die ganze Zeit eine Herzinsuffizienz. Eine Erkrankung, die zwar behandelbar ist – aber eben nur dann, wenn man sie rechtzeitig erkennt.
Herzinsuffizienz ist keine seltene Erkrankung älterer Menschen. Sie ist eine der häufigsten Ursachen für Krankenhauseinweisungen bei Menschen über 65. In Deutschland leben schätzungsweise vier Millionen Menschen mit einer Herzinsuffizienz, und jedes Jahr kommen rund 300.000 Neuerkrankungen hinzu. Was mich als Arzt besonders beschäftigt: Viele Betroffene warten zu lange, bevor sie medizinische Hilfe suchen – oft weil sie die Symptome falsch einordnen oder sie schlicht dem „normalen Altern“ zuschreiben.
Dieser Artikel soll Ihnen helfen, genau das zu ändern. Ich erkläre Ihnen, was bei einer Herzinsuffizienz im Körper passiert, welche Warnsignale Sie unbedingt kennen sollten und wann Sie nicht länger zuwarten dürfen.
Was bedeutet Herzinsuffizienz eigentlich – in einfachen Worten?
Das Wort „Insuffizienz“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Unzulänglichkeit“ oder „Schwäche“. Bei der Herzinsuffizienz kann das Herz nicht mehr so pumpen, wie es sollte. Es schlägt zwar noch – aber es schafft es nicht mehr, den Körper mit ausreichend Blut und damit ausreichend Sauerstoff zu versorgen.
Man unterscheidet dabei zwei Hauptformen: Bei der systolischen Herzinsuffizienz (auch HFrEF genannt – Heart Failure with reduced Ejection Fraction) ist die Pumpleistung des Herzens tatsächlich vermindert. Bei der diastolischen Herzinsuffizienz (HFpEF – Heart Failure with preserved Ejection Fraction) ist die Pumpleistung formal noch erhalten, aber der Herzmuskel ist so versteift, dass er sich zwischen den Schlägen nicht richtig entspannen und füllen kann. Diese zweite Form ist übrigens besonders typisch für ältere Menschen, insbesondere für Frauen über 70.
Laut der ESC-Leitlinie zur Herzinsuffizienz von 2021 (European Society of Cardiology) betrifft die diastolische Form inzwischen mehr als die Hälfte aller Herzinsuffizienz-Patienten – ein Befund, der die Medizin in den letzten Jahren erheblich beschäftigt hat, weil diese Form schwerer zu diagnostizieren und zu behandeln ist.
Die häufigsten Ursachen: Warum erkranken Senioren häufiger?
Das Herz eines 70-Jährigen hat in seinem Leben bereits mehr als zwei Milliarden Mal geschlagen. Es ist ein außerordentlich leistungsfähiges Organ – aber kein unverwundbares. Mit zunehmendem Alter summieren sich die Belastungen:
- Bluthochdruck ist die häufigste Ursache einer Herzinsuffizienz im Alter. Ein dauerhaft erhöhter Druck zwingt das Herz, gegen enormen Widerstand zu pumpen – der Herzmuskel verdickt sich und verliert seine Elastizität.
- Koronare Herzkrankheit und Herzinfarkte hinterlassen Narbengewebe, das nicht mehr pumpen kann.
- Vorhofflimmern tritt bei über 70-Jährigen in bis zu 10–15 % aller Fälle auf und kann sowohl Ursache als auch Folge einer Herzinsuffizienz sein.
- Diabetes mellitus Typ 2 schädigt über Jahre hinweg die kleinen Gefäße und den Herzmuskel selbst.
- Herzklappenfehler, insbesondere eine Aortenklappenstenose, nehmen im Alter deutlich zu.
Die Warnsignale: Was Ihr Körper Ihnen sagt
Hier liegt der eigentliche Kern des Problems – und deshalb möchte ich Ihnen diese Symptome nicht einfach als Liste präsentieren, sondern erklären, warum sie entstehen. Denn wenn Sie verstehen, was dahintersteckt, werden Sie es viel eher ernst nehmen.
1. Luftnot bei Belastung – und später auch in Ruhe
Das klassischste Symptom. Das schwache Herz kann den Körper nicht mehr ausreichend mit Blut versorgen. Das Blut „staut sich“ zurück in die Lunge. Die Lunge füllt sich mit Flüssigkeit, die eigentlich ins Blut gehört. Das Ergebnis: Sie kommen beim Treppensteigen, beim Spazierengehen, später vielleicht sogar schon beim Anziehen außer Atem.
Besonders charakteristisch ist die sogenannte Orthopnoe: Sie können flach liegen und müssen nachts mehrere Kissen unter den Kopf legen, um besser atmen zu können. Oder Sie werden mitten in der Nacht wach, weil Sie das Gefühl haben zu ersticken – das nennt man in der Medizin „paroxysmale nächtliche Dyspnoe“. Viele ältere Patienten schildern mir das so: „Ich stehe dann auf, öffne das Fenster und nach ein paar Minuten geht es wieder.“ Das klingt harmlos – ist es aber nicht.
2. Geschwollene Knöchel und Beine
Wenn das Herz nicht mehr richtig pumpt, staut sich das Blut auch in den Venen der Beine. Die Flüssigkeit tritt ins Gewebe aus – medizinisch nennt man das Ödeme. Morgens sind die Beine oft noch normal, abends aber geschwollen wie Säulen. Ein einfacher Test: Drücken Sie mit dem Daumen etwa 30 Sekunden lang auf Ihren Knöchel. Bleibt eine Delle zurück (sogenanntes „Pitting Ödem“), sollten Sie das einem Arzt zeigen.
Wichtig zu wissen: Beinödeme können auch andere Ursachen haben (Venenschwäche, Medikamente, Nierenprobleme). Aber in Kombination mit Luftnot sind sie ein starkes Warnsignal.
3. Ungewöhnliche Müdigkeit und Erschöpfung
„Ich bin einfach nicht mehr so belastbar wie früher“ – diesen Satz höre ich oft. Und allzu häufig wird er mit dem Alter abgetan. Aber eine Herzinsuffizienz macht tatsächlich erschöpft: Der Körper bekommt weniger Sauerstoff, die Muskeln arbeiten schlechter, das Gehirn reagiert mit Antriebslosigkeit und Konzentrationsschwäche. Wenn Sie bemerken, dass Sie Dinge, die Sie früher problemlos erledigt haben (ein Einkaufsgang, eine kurze Wanderung), plötzlich kaum noch schaffen – nehmen Sie das ernst.
4. Schnelle oder unregelmäßige Herzschläge
Das geschwächte Herz versucht, seine mangelnde Pumpleistung durch höhere Schlagfrequenz zu kompensieren. Viele Patienten berichten von Herzrasen oder Herzstolpern. Diese Herzrhythmusstörungen können ihrerseits die Herzinsuffizienz weiter verschlechtern – ein Teufelskreis.
5. Nächtlicher Husten und Rasseln
Ein trockener, reizender Husten – besonders nachts im Liegen – ist ein unterschätztes Symptom der Herzinsuffizienz. Die Flüssigkeit in der Lunge reizt die Atemwege. Nicht wenige Patienten werden erst mit dem Verdacht auf Asthma oder Bronchitis zu mir geschickt, bis wir dann die wahre Ursache finden.
6. Plötzliche Gewichtszunahme
Wenn sich durch die Herzinsuffizienz vermehrt Flüssigkeit im Körper ansammelt, schlägt sich das auch auf der Waage nieder. Eine Gewichtszunahme von mehr als zwei Kilogramm innerhalb von zwei bis drei Tagen ist ein ernstes Warnsignal – auch wenn Sie nicht mehr gegessen haben als sonst. Das ist Wasser, kein Fett.
Die DEGAM-Leitlinie Herzinsuffizienz (2023) empfiehlt ausdrücklich, dass Patienten mit bekannter Herzinsuffizienz sich täglich wiegen – am besten morgens, nach dem Toilettengang, vor dem Frühstück. Dieses einfache Monitoring kann eine drohende Dekompensation Tage im Voraus ankündigen.
Die gefährliche Fehleinschätzung: „Das ist halt das Alter“
Eine große Beobachtungsstudie aus dem Heart Failure Journal (2022), an der über 8.000 Patienten mit neu diagnostizierter Herzinsuffizienz teilnahmen, zeigte: Im Durchschnitt warteten Betroffene fast sechs Monate, bevor sie erstmals ärztliche Hilfe suchten – obwohl die Symptome bereits deutlich spürbar waren. Als Hauptgrund nannten sie, die Beschwerden seien „normal für ihr Alter“ gewesen.
Das ist das, was mich als Arzt wirklich schmerzt. Denn Herzinsuffizienz ist heute – richtig behandelt – eine beherrschbare Erkrankung. Mit modernen Medikamenten (ACE-Hemmer, Betablocker, SGLT2-Inhibitoren), Lebensstilanpassungen und engmaschiger Kontrolle können viele Patienten ein gutes, aktives Leben führen. Aber nur, wenn die Diagnose rechtzeitig gestellt wird.
Praktische Checkliste: Wann sollten Sie zum Arzt?
Gehen Sie zeitnah zum Hausarzt, wenn Sie mindestens zwei der folgenden Symptome bemerken:
- ✔ Atemnot beim Treppensteigen oder bei leichter Anstrengung
- ✔ Abendliche Schwellungen an Knöcheln oder Unterschenkeln
- ✔ Ungewöhnliche Erschöpfung, die sich durch Schlaf nicht bessert
- ✔ Müssen Sie nachts mehr als zweimal zur Toilette? (Nykturie – auch ein typisches Herzinsuffizienz-Zeichen)
- ✔ Trockener Husten im Liegen
- ✔ Gewichtszunahme von mehr als 2 kg in 2–3 Tagen
- ✔ Herzklopfen oder Herzstolpern ohne erklärbaren Grund
- ✔ Sie schlafen schlechter flach und brauchen mehrere Kissen
Ihr Hausarzt wird zunächst eine körperliche Untersuchung durchführen, ein EKG schreiben und einen Bluttest anordnen – dabei spielt der Laborwert BNP oder NT-proBNP eine besondere Rolle. Dieser sogenannte „Herzstressmarker“ ist erhöht, wenn das Herz unter Druck steht, und hat eine hohe diagnostische Aussagekraft. Ein Herzultraschall (Echokardiografie) ist dann der entscheidende nächste Schritt.
⚠️ Wann müssen Sie sofort den Notruf (112) anrufen?
Folgende Symptome sind ein medizinischer Notfall – zögern Sie nicht:
- Plötzliche, schwere Atemnot – auch in Ruhe, mit Todesangst
- Schaumiger, rosa Auswurf beim Husten (Lungenödem)
- Brustschmerzen in Kombination mit Luftnot
- Bewusstlosigkeit oder starke Verwirrtheit
- Blaufärbung der Lippen oder Fingernägel (Zyanose)
Rufen Sie in diesen Fällen sofort 112 an. Warten Sie nicht auf den nächsten Morgen und fahren Sie nicht selbst in die Klinik.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Frage 1: Kann man mit einer Herzinsuffizienz noch Sport treiben, oder ist das gefährlich?
Das ist eine Frage, die mir sehr viele Patienten stellen – und die Antwort überrascht viele: Ja, moderater Sport ist bei Herzinsuffizienz nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich empfohlen! Die ESC-Leitlinie 2021 hält körperliche Aktivität für einen der wirksamsten nicht-medikamentösen Behandlungsansätze. Wichtig ist natürlich, dass Sie das mit Ihrem Arzt besprechen und die Intensität angepasst wird. Spazierengehen, leichtes Radfahren, Wassergymnastik oder ein spezielles Herzinsuffizienz-Rehabilitationsprogramm (Herzsport) sind ideal. Was Sie vermeiden sollten: plötzliche, sehr intensive Belastungen (zum Beispiel schwere Gewichte stemmen oder Sprint) sowie Sport, wenn Sie sich gerade in einer Verschlechterungsphase befinden. Die Faustregel lautet: Sie dürfen sich anstrengen, aber sollten dabei noch ein kurzes Gespräch führen können. Wenn Sie völlig außer Atem sind, ist die Intensität zu hoch.
Frage 2: Mein Arzt hat mir ein Medikament aus der Gruppe der SGLT2-Hemmer verschrieben – das kenne ich doch als Diabetesmittel. Ist das ein Irrtum?
Kein Irrtum – das ist modernste Medizin! SGLT2-Hemmer (zum Beispiel Empagliflozin oder Dapagliflozin) wurden ursprünglich gegen Diabetes entwickelt. Dabei stellte man aber in großen Studien fest, dass sie auch bei Herzinsuffizienz – unabhängig davon, ob ein Diabetes vorliegt oder nicht – die Sterblichkeit deutlich senken, Krankenhauseinweisungen reduzieren und die Lebensqualität verbessern. Die DAPA-HF-Studie (2019) und die EMPEROR-Reduced-Studie (2020) haben das eindrucksvoll belegt. Seit 2021 sind diese Medikamente offiziell für die Herzinsuffizienz zugelassen und gelten heute als Standardtherapie. Sie wirken unter anderem, indem sie dem Körper helfen, überschüssige Flüssigkeit auszuscheiden und das Herz zu entlasten. Wenn Ihr Arzt Ihnen dieses Medikament verschreibt, ist das ein Zeichen dafür, dass er auf dem neusten Stand der Medizin ist.
Frage 3: Ich habe Herzinsuffizienz und nehme Wassertabletten (Diuretika). Darf ich im Sommer trotzdem reisen oder in die Hitze?
Ja, aber mit Vorsicht und guter Vorbereitung. Hitze stellt für Menschen mit Herzinsuffizienz eine besondere Belastung dar, weil der Körper stärker schwitzt, um sich abzukühlen – und damit Flüssigkeit und wichtige Mineralstoffe (vor allem Kalium und Natrium) verliert. In Kombination mit Diuretika kann das zu einem gefährlichen Elektrolytmangel und einem Blutdruckabfall führen. Meine konkreten Empfehlungen für Sie: Sprechen Sie vor einer Reise in ein heißes Land mit Ihrem Arzt – unter Umständen muss die Diuretika-Dosis angepasst werden. Trinken Sie ausreichend, aber übertreiben Sie es nicht (bei schwerer Herzinsuffizienz gibt es manchmal eine Trinkmengenbeschränkung). Meiden Sie die Mittagshitze, tragen Sie leichte Kleidung und suchen Sie klimatisierte Räume auf. Beobachten Sie Ihr Gewicht täglich auch auf Reisen. Und: Haben Sie immer eine aktuelle Medikamentenliste sowie einen Ar
Dr. med. Karl Hoffmann
Facharzt für Innere Medizin & Geriatrie · 30 Jahre Erfahrung · Medizinischer Leiter von ueber60plus.de
Dieser Artikel wurde medizinisch geprüft und entspricht den aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin.


