Es beginnt meistens harmlos: ein Knie, das beim Treppensteigen zwickt, ein Rücken, der nach dem Gärtnern protestiert, oder Kopfschmerzen, die einfach nicht weichen wollen. Und dann greift man — wie seit Jahrzehnten gewohnt — in die Hausapotheke und nimmt eine Tablette Ibuprofen oder Diclofenac. Was früher mit 40 kaum ein Problem war, kann mit 70 jedoch ernsthafte Folgen haben. In meiner langjährigen Praxis erlebe ich regelmäßig, dass Patienten Schmerzmittel nehmen, die für ihren Körper schlicht nicht mehr geeignet sind — und das nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil niemand sie je aufgeklärt hat.
Dieser Artikel soll das ändern. Ich erkläre Ihnen, warum Ihr Körper nach dem 60. Lebensjahr auf Schmerzmittel ganz anders reagiert als früher, welche Präparate besonders riskant sind, und was Sie stattdessen tun können.
Warum Ihr Körper Schmerzmittel mit 70 anders verarbeitet als mit 40
Das Altern verändert die sogenannte Pharmakokinetik — also die Art, wie Ihr Körper Medikamente aufnimmt, verteilt, abbaut und wieder ausscheidet. Diese Veränderungen sind nicht dramatisch spürbar, aber ihre Auswirkungen können es sein.
Konkret passiert Folgendes: Die Nierenfunktion nimmt ab dem 40. Lebensjahr pro Dekade um etwa 10 Prozent ab. Mit 75 Jahren arbeiten die Nieren vieler Menschen nur noch mit 50 bis 60 Prozent ihrer ursprünglichen Kapazität — auch wenn keine Nierenerkrankung diagnostiziert wurde. Da viele Schmerzmittel über die Nieren ausgeschieden werden, verbleiben sie länger im Körper, reichern sich an, und selbst eine „normale“ Dosis wirkt dann wie eine Überdosis.
Gleichzeitig sinkt der Wasseranteil im Körper, während der Fettanteil steigt. Fettlösliche Substanzen — dazu gehören manche Schmerzmittel — verteilen sich breiter im Körper und wirken länger. Dazu kommt eine veränderte Leberfunktion, die den Abbau mancher Wirkstoffe verlangsamt. Das Ergebnis: Nebenwirkungen treten schneller und heftiger auf, als man es aus jüngeren Jahren kennt.
Die PRISCUS-Liste: Welche Schmerzmittel Senioren meiden sollten
In Deutschland gibt es seit 2010 die sogenannte PRISCUS-Liste, die 2022 umfassend aktualisiert wurde (PRISCUS 2.0). Diese Expertenliste — erarbeitet von einem Konsortium deutscher Geriatriker, Pharmakologerinnen und Hausärzte — benennt explizit Medikamente, die für Menschen ab 65 Jahren als potenziell inadäquat gelten. Bei Schmerzmitteln tauchen hier einige bekannte Namen auf, die Sie vielleicht regelmäßig zu Hause haben.
Diclofenac und Ibuprofen: Beliebte Klassiker mit ernstem Risikoprofil
Beide Wirkstoffe gehören zur Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAID). Sie wirken gut gegen Entzündungsschmerzen — aber ihr Risikoprofil bei älteren Menschen ist beträchtlich. Eine Metaanalyse im British Medical Journal aus dem Jahr 2017, die Daten von über 446.000 Patientinnen und Patienten auswertete, zeigte, dass Diclofenac das Herzinfarktrisiko unter allen untersuchten NSAID am stärksten erhöhte — vergleichbar mit dem inzwischen vom Markt genommenen Rofecoxib.
Für Senioren sind NSAIDs aus mehreren Gründen problematisch:
- Magenblutungen: Das Risiko einer schwerwiegenden Magenblutung steigt ab 65 Jahren deutlich. Ältere Menschen bluten oft ohne vorherige Schmerzsymptome — die erste Warnung ist dann ein Notfall.
- Nierenversagen: Besonders bei gleichzeitiger Einnahme von Blutdruckmitteln (ACE-Hemmern, Sartanen) oder Diuretika kann sich eine gefährliche Dreier-Kombination ergeben, die in der Praxis als „Triple Whammy“ bezeichnet wird und das akute Nierenversagen erheblich begünstigt.
- Herzinsuffizienz: NSAIDs führen zu Wassereinlagerungen und können eine bestehende Herzschwäche deutlich verschlechtern.
- Wechselwirkungen: Sie schwächen die Wirkung blutverdünnender Medikamente wie Marcumar oder ASS ab — oder verstärken sie gefährlich.
Metamizol: Stark, aber nicht ohne Risiko
Metamizol (bekannt als Novalgin) ist in Deutschland weit verbreitet und wirkt gut bei starken Schmerzen und Fieber. Es ist kein NSAID und belastet den Magen weniger. Dennoch birgt es ein seltenes, aber gefährliches Risiko: die Agranulozytose, eine lebensbedrohliche Verminderung der weißen Blutkörperchen. Laut einer deutschen Kohortenstudie aus dem Jahr 2021 tritt dieses Ereignis bei etwa 1 von 1.500 bis 3.000 Behandelten auf — selten, aber mit potenziell tödlichem Ausgang. Bei Senioren mit geschwächtem Immunsystem ist besondere Vorsicht geboten.
Paracetamol: Sicherer — aber auch nur bedingt
Paracetamol gilt bei vielen Ärzten als erste Wahl für ältere Patienten mit leichten bis mittleren Schmerzen, weil es den Magen schont und keine Herzrisiken hat. Das stimmt — mit einer wichtigen Einschränkung: Die maximale Tagesdosis von 3.000 mg (bei Senioren, nicht 4.000 mg wie früher empfohlen) darf keinesfalls überschritten werden. Paracetamol wird über die Leber abgebaut, und bei regelmäßigem Alkoholkonsum — selbst in kleinen Mengen — steigt das Risiko einer Leberschädigung erheblich. Außerdem warnte die DEGAM-Leitlinie Kreuzschmerz aus dem Jahr 2017 bereits darauf hin, dass Paracetamol bei chronischem Rückenschmerz weniger wirksam ist als lange angenommen.
Was wirklich hilft: Moderne Schmerztherapie für ältere Menschen
Die gute Nachricht: Es gibt durchdachte Alternativen, die bei Senioren wirksam und deutlich verträglicher sind.
Topische Schmerzmittel: Lokal wirken, Nebenwirkungen minimieren
Diclofenac-Gel oder Ibuprofen-Salbe, direkt auf die schmerzende Stelle aufgetragen, gelangen nur zu einem sehr geringen Prozentsatz in den Blutkreislauf. Laut einer Cochrane-Analyse von 2016 sind topische NSAIDs bei Knieschmerzen durch Arthrose ähnlich wirksam wie orale Präparate — bei deutlich geringeren Nebenwirkungen. Das ist besonders für Patienten mit Magenempfindlichkeit oder leicht eingeschränkter Nierenfunktion eine sehr gute Option.
Nicht-medikamentöse Ansätze: Unterschätzt und effektiv
Ich sage meinen Patienten immer: Eine Tablette ersetzt keine Bewegung. Für Arthroseschmerzen etwa ist moderates Kraft- und Ausdauertraining eines der wirksamsten Mittel überhaupt — besser als viele Medikamente. Die S3-Leitlinie Gonarthrose der AWMF (2023) empfiehlt ausdrücklich Bewegungstherapie als Erstlinienbehandlung, noch vor medikamentösen Optionen. Wärme- oder Kälteanwendungen, physiotherapeutische Behandlungen, TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation) und bei bestimmten Erkrankungen auch Akupunktur haben in Studien nachweisliche Wirksamkeit gezeigt.
Wenn starke Schmerzmittel nötig sind: Opioide im Alter
Bei starken chronischen Schmerzen — etwa bei Tumorerkrankungen oder schwerer Arthrose — kommen manchmal schwache Opioide wie Tramadol oder Tilidin ins Spiel. Hier ist äußerste Vorsicht geboten: Beide Substanzen erhöhen bei Senioren das Sturzrisiko erheblich. Eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2020, veröffentlicht im Journal of the American Geriatrics Society, fand, dass Opioid-Anwender ab 65 Jahren innerhalb der ersten zwei Wochen ein um 68 Prozent erhöhtes Sturzrisiko hatten. Tramadol senkt zudem die Krampfschwelle und kann Verwirrtheitszustände auslösen. Diese Medikamente gehören unbedingt unter ärztliche Kontrolle — niemals sollten Sie sie aus dem Medikamentenschrank einer Freundin nehmen.
Praktische Checkliste: Schmerzmittel sicher einsetzen ab 60
- ✅ Immer den Beipackzettel lesen — besonders den Abschnitt „Ältere Patienten“ und „Wechselwirkungen“
- ✅ Niemals länger als 3-5 Tage ohne ärztliche Rücksprache ein Schmerzmittel einnehmen
- ✅ Ihre Nierenwerte kennen: Fragen Sie Ihren Arzt nach dem Kreatinin-Wert und der GFR — diese bestimmen, welche Schmerzmittel für Sie sicher sind
- ✅ Einen Medikationsplan führen: Alle eingenommenen Mittel (auch Nahrungsergänzung, Naturheilmittel) sollten auf einem aktuellen Plan stehen
- ✅ Alkohol und Paracetamol nicht kombinieren — selbst ein Glas Wein täglich erhöht das Leberschädigungsrisiko
- ✅ Bei Magenempfindlichkeit: Gele und Salben bevorzugen statt Tabletten
- ✅ Sturzgefahr einschätzen: Bei Schwindel, Benommenheit oder Gleichgewichtsproblemen nach Einnahme sofort den Arzt informieren
- ✅ PRISCUS-Liste beim Arztgespräch ansprechen: Fragen Sie aktiv, ob Ihre Schmerzmittel auf dieser Liste stehen
FAQ: Häufige Fragen von Patienten
Frage 1: Ich nehme seit Jahren Ibuprofen 400 mg gelegentlich. Ist das wirklich so gefährlich?
Das kommt sehr auf die Gesamtsituation an. „Gelegentlich“ — also einmal pro Woche oder seltener, für ein oder zwei Tage — ist in der Regel weniger problematisch als eine dauerhafte Einnahme. Entscheidend sind Ihre Begleiterkrankungen und Ihre anderen Medikamente. Wenn Sie Blutdruckmittel (vor allem ACE-Hemmer oder Sartane) und gleichzeitig wassertreibende Mittel nehmen, sollten Sie Ibuprofen möglichst vollständig meiden — das bereits erwähnte „Triple Whammy“-Risiko ist real und kann innerhalb weniger Tage zu einem akuten Nierenversagen führen. Wenn Sie dagegen keine Herzerkrankung, keine relevante Nierenschwäche und keine Blutverdünner nehmen, ist eine gelegentliche Einzeldosis meist vertretbar. Trotzdem: Sprechen Sie dieses Thema beim nächsten Arzttermin konkret an und lassen Sie es schriftlich auf Ihrem Medikationsplan vermerken.
Frage 2: Meine Hausärztin hat mir Paracetamol empfohlen, ich höre aber, das sei schlecht für die Leber. Was stimmt nun?
Beide Aussagen sind bedingt richtig, und das klingt frustrierend — ich verstehe das. Paracetamol ist für die meisten Senioren die magenfreundlichste Option und ist bei korrekter Dosierung (maximal 3.000 mg pro Tag, auf mehrere Einzeldosen verteilt) für die Leber unbedenklich, solange kein übermäßiger Alkoholkonsum vorliegt und keine vorbestehende Lebererkrankung besteht. Das Problem liegt häufig darin, dass Paracetamol in vielen Kombipräparaten versteckt ist — in Erkältungsmitteln, Schlaftabletten, Grippemitteln. Wer dann noch zusätzlich Paracetamol-Tabletten einnimmt, überschreitet schnell unbemerkt die kritische Dosis. Prüfen Sie daher alle Ihre Medikamente auf den Wirkstoff Paracetamol und addieren Sie die Gesamtmenge — das ist der entscheidende Schritt.
Frage 3: Wirken Schmerzmittel-Gele wirklich genauso gut wie Tabletten?
Für oberflächliche und gut zugängliche Schmerzstellen — Knie, Schulter, Handgelenk, Ellenbogen — ist die Antwort: Ja, bei vielen Patienten tatsächlich. Die bereits erwähnte Cochrane-Analyse hat das für Kniearthrose klar belegt. Der Wirkstoff dringt durch die Haut in das umliegende Gewebe ein und erreicht dort höhere Konzentrationen als eine Tablette es täte — bei gleichzeitig weit geringerer Belastung für Magen, Nieren und Herz. Die Einschränkung: Bei tiefer liegenden Strukturen — Hüfte, Wirbelsäule — kommen Gele schlechter ans Ziel. Für Hüftschmerzen sind sie daher meist weniger effektiv. Achten Sie außerdem darauf, das Gel nicht auf wunden oder entzündeten Hautstellen aufzutragen, und waschen Sie anschließend die Hände gründlich.
Frage 4: Mein Arzt will mir Tramadol verschreiben. Ich habe Angst vor Abhängigkeit. Ist die begründet?
Ihre Vorsicht ist berechtigt, aber auch nicht Grund zur Panik. Tramadol hat ein Abhängigkeitspotenzial, das jedoch bei kurzfristiger Anwendung unter ärztlicher Kontrolle und bei körperlichen (nicht psychischen) Schmerzen deutlich geringer ist als oft befürchtet. Das eigentlich größere Problem bei Tramadol im Alter ist, wie bereits beschrieben, das Sturzrisiko, die mögliche Verwirrung und die Senkung der Krampfschwelle. Wenn Ihr Arzt Tramadol empfiehlt, fragen Sie konkret: Wie lange soll ich es nehmen? Was ist der Austrittsplan? Gibt es eine nicht-medikamentöse Alternative? Kann ich mit einer kleineren Anfangsdosis beginnen? Ein guter Arzt wird diese Fragen begrüßen, nicht abbürsten. Tramadol ist nicht grundsätzlich falsch, aber es braucht eine sehr sorgfältige Abwägung — besonders wenn Sie bereits sturzgefährdet sind oder Antiepileptika einnehmen.
⚠️ Wann Sie unbedingt zum Arzt oder in die Notaufnahme müssen
Suchen Sie sofort ärztliche Hilfe, wenn nach der Einnahme von Schmerzmitteln folgende Symptome auftreten:
- Schwarzer, teerartiger Stuhl oder Blut im Stuhl (mögliche Magenblutung)
- Starke Bauchschmerzen, die plötzlich einsetzen
- Deutliche Verminderung der Urinmenge oder aufgehörtes Wasserlassen (Nierenproblem)
- Starke Schwellung der Beine oder Atemnot (Herz-Kreislauf-Reaktion)
- Plötzliche Verwirrtheit, Desorientiertheit oder starker Schwindel
- Fieber mit Halsschmerzen und Abgeschlagenheit nach Metamizol (Agranulozytose-Zeichen)
Bei Unsicherheit über Ihre aktuelle
Dr. med. Karl Hoffmann
Facharzt für Innere Medizin & Geriatrie · 30 Jahre Erfahrung · Medizinischer Leiter von ueber60plus.de
Dieser Artikel wurde medizinisch geprüft und entspricht den aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin.


