Es gibt kaum ein Thema, das mich in meiner täglichen Praxis so sehr beschäftigt wie der Umgang mit Schmerzmitteln bei älteren Patienten. Fast täglich sitze ich Menschen gegenüber, die seit Jahren dieselbe Tablette nehmen, die ihnen irgendwann einmal jemand empfohlen hat — oft ohne zu wissen, dass sich ihr Körper grundlegend verändert hat und diese Pille heute ganz andere Wirkungen entfaltet als noch vor zehn Jahren. Das ist keine Kleinigkeit. Das kann lebensverändernde Konsequenzen haben.
Dieser Artikel ist kein Vorwurf und kein erhobener Zeigefinger. Er ist eine ehrliche Bestandsaufnahme dessen, was wir heute wissenschaftlich wissen — und was ich Ihnen als Arzt wünschte, jeder meiner Patienten über 60 zu verstehen.
Warum Ihr Körper Schmerzmittel ab 60 ganz anders verarbeitet
Der menschliche Körper ist mit 65 Jahren pharmakologisch ein anderer als mit 35. Das klingt dramatisch, ist aber schlicht Biologie. Mit zunehmendem Alter verändert sich die sogenannte Pharmakokinetik — also die Art, wie der Körper ein Medikament aufnimmt, verteilt, abbaut und ausscheidet.
Konkret bedeutet das: Die Nierenfunktion nimmt ab dem 40. Lebensjahr jährlich um etwa 1 Prozent ab. Die Leberdurchblutung sinkt bis zum 75. Lebensjahr um bis zu 40 Prozent. Der Körperfettanteil steigt, während Muskelmasse und Körperwasser abnehmen. Das klingt nach Innerer Medizin aus dem Lehrbuch — hat aber ganz praktische Konsequenzen: Viele Schmerzmittel bleiben länger im Körper, reichern sich an und entfalten stärkere oder unerwartete Wirkungen.
Hinzu kommt die sogenannte Polypharmazie: Etwa 45 Prozent aller Menschen über 65 nehmen täglich fünf oder mehr verschiedene Medikamente ein, wie Daten des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung zeigen. Jedes zusätzliche Medikament erhöht das Risiko für gefährliche Wechselwirkungen exponentiell.
Die drei großen Schmerzmittelgruppen — und ihre spezifischen Risiken für Ältere
1. Ibuprofen, Diclofenac & Co.: Die unterschätzten Risiken der NSAIDs
Nichtsteroidale Antirheumatika, kurz NSAIDs, sind die wohl am häufigsten unterschätzten Risikopräparate im Seniorenalter. Ibuprofen und Diclofenac sind frei verkäuflich, günstig, und für viele Menschen fühlt sich die Einnahme so harmlos an wie ein Hustenbonbon. Das ist sie aber nicht.
Die PRISCUS-Liste, eine wissenschaftlich fundierte Aufstellung potenziell inadäquater Medikamente für ältere Menschen, die zuletzt 2022 aktualisiert wurde, stuft Diclofenac bei Menschen über 65 als besonders problematisch ein — insbesondere wegen der kardiovaskulären Risiken. Ibuprofen sollte nur in niedrigster Dosis und für kürzeste Zeit eingenommen werden.
Was passiert konkret? NSAIDs hemmen Prostaglandine, die nicht nur Schmerzen vermitteln, sondern auch die Magenschleimhaut schützen und die Nierenfunktion regulieren. Bei einem 70-Jährigen mit ohnehin eingeschränkter Nierenfunktion kann eine einwöchige Ibuprofen-Einnahme eine akute Nierenschädigung auslösen. Das Risiko für Magenblutungen ist bei über 65-Jährigen unter NSAID-Einnahme drei- bis fünfmal höher als bei jungen Erwachsenen. Und wer gleichzeitig einen Blutverdünner wie ASS oder Marcumar nimmt, verdoppelt dieses Risiko noch einmal.
2. Paracetamol: Nicht so harmlos, wie viele denken
Paracetamol gilt vielen als das „sichere“ Schmerzmittel. Und ja, es hat im Vergleich zu NSAIDs weniger Magenprobleme. Aber: Paracetamol ist lebertoxisch — und das ist bei älteren Menschen besonders relevant, wenn gleichzeitig Alkohol konsumiert wird oder andere leberstoffwechselnde Medikamente im Spiel sind.
Laut einer großen britischen Kohortenstudie (Bhala et al., 2013, veröffentlicht im Lancet) war regelmäßige Paracetamol-Einnahme auch bei empfohlener Dosis mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, Nierenprobleme und Magen-Darm-Blutungen assoziiert — ein Befund, der viele Ärzte überrascht hat und seither intensiv diskutiert wird.
Die maximale Tagesdosis von 4 Gramm gilt für gesunde Erwachsene. Für gebrechliche ältere Menschen mit Lebervorerkrankungen empfehlen viele Geriater heute nicht mehr als 2 bis 3 Gramm pro Tag. Und wer Alkohol trinkt — selbst moderat — sollte Paracetamol nur nach Rücksprache mit dem Arzt einnehmen.
3. Opioide: Wenn der Schmerz stark ist — und die Risiken auch
Bei starken Schmerzen, etwa bei fortgeschrittener Arthrose oder nach Operationen, kommen häufig Opioide zum Einsatz: Tramadol, Tilidin, Oxycodon. Diese Medikamente sind wirksam — aber bei älteren Menschen besonders tückisch.
Tramadol zum Beispiel erhöht bei über 65-Jährigen das Sturzrisiko erheblich. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2021 (Huang et al., British Journal of Clinical Pharmacology) zeigte, dass Opioid-Einnahme das Sturzrisiko bei Senioren um bis zu 27 Prozent erhöht. Stürze wiederum sind bei älteren Menschen eine der häufigsten Ursachen für schwerwiegende Verletzungen und Hospitalisierungen. Ein gebrochener Oberschenkelhals nach einem Sturz unter Opioid-Einfluss — das ist eine Kausalkette, die ich leider viel zu oft beobachte.
Hinzu kommen Übelkeit, Verstopfung, Verwirrtheit und das Risiko einer psychischen Abhängigkeit. All diese Effekte sind bei älteren Menschen ausgeprägter als bei jüngeren.
Was die Leitlinien empfehlen — und was das für Sie bedeutet
Die DEGAM-Leitlinie „Multimedikation“ aus dem Jahr 2021 empfiehlt ausdrücklich, bei jedem Arzttermin alle eingenommenen Medikamente — auch frei verkäufliche — zu besprechen und regelmäßig zu überprüfen, ob jedes einzelne noch notwendig und sinnvoll ist. Dieses sogenannte Medikamentenreview sollte bei über 65-Jährigen mindestens einmal jährlich stattfinden.
In der Praxis passiert das leider viel seltener als empfohlen. Viele meiner Patienten nehmen seit Jahren Medikamente, die ursprünglich für eine akute Situation verschrieben wurden und nun einfach „weitergelaufen“ sind. Das ist menschlich — aber medizinisch oft problematisch.
Nicht-medikamentöse Schmerztherapie: Unterschätztes Potenzial
Etwas, das ich Ihnen wirklich ans Herz legen möchte: Schmerzmittel sind in vielen Fällen nicht die einzige oder beste Lösung. Gerade bei chronischen Schmerzen — zum Beispiel durch Arthrose oder Rückenleiden — haben nicht-medikamentöse Ansätze in Studien teils bessere Langzeitergebnisse gezeigt als Tabletten.
- Physiotherapie und gezieltes Bewegungstraining: Besonders bei Kniearthrose ist regelmäßiges Krafttraining nachweislich so wirksam wie mäßige NSAID-Einnahme — ohne die Nebenwirkungen.
- Wärme- und Kältetherapie: Wärmeanwendungen entspannen Muskeln und fördern die Durchblutung; Kälte reduziert akute Entzündungsreaktionen. Simpel, effektiv, nebenwirkungsfrei.
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Kleines Gerät, das manche Schmerzpatienten als echte Erleichterung empfinden — besonders bei Rücken- und Nervenschmerzen.
- Psychologische Schmerztherapie: Chronischer Schmerz hat immer auch eine psychische Komponente. Kognitive Verhaltenstherapie kann nachweislich die Schmerzwahrnehmung verändern und die Lebensqualität deutlich verbessern.
Praktische Checkliste: Schmerzmittel sicher anwenden ab 60
- ✅ Immer alle Medikamente beim Arzt angeben — auch rezeptfreie wie Ibuprofen oder pflanzliche Mittel
- ✅ Niemals NSAIDs dauerhaft selbst einnehmen — länger als 3–5 Tage nur nach ärztlicher Rücksprache
- ✅ Paracetamol nicht mit Alkohol kombinieren und Tagesdosis nie überschreiten
- ✅ Bei Opioiden auf Sturzgefahr achten — langsam aufstehen, Treppensicherheit überprüfen, ggf. Gehilfe nutzen
- ✅ Medikamentenplan führen — idealerweise mit Wirkstoffname, Dosis und Einnahmezeit
- ✅ Einmal jährlich Medikamentenreview beim Hausarzt — fragen Sie aktiv danach!
- ✅ Nierenfunktion regelmäßig kontrollieren lassen — mindestens einmal jährlich Blutbild und Kreatinin
- ✅ Nicht-medikamentöse Alternativen besprechen — Physiotherapie, TENS, Wärme/Kälte
- ✅ Magenschutz (z.B. Pantoprazol) bei NSAID-Bedarf aktiv beim Arzt ansprechen
Ein abschließendes Wort aus der Praxis
Ich erlebe es regelmäßig: Ein Patient kommt mit einer Beschwerde, und im Gespräch stellt sich heraus, dass das eigentliche Problem gar nicht die Grunderkrankung ist — sondern eine Nebenwirkung eines Schmerzmittels, das er seit Monaten ohne Aufsicht einnimmt. Schwindel, Verwirrtheit, geschwollene Beine, Magenprobleme. Vieles davon ließe sich vermeiden.
Schmerzmittel sind wertvolle Werkzeuge. Aber wie jedes Werkzeug müssen sie richtig eingesetzt werden. Im Alter heißt das vor allem: bewusster, überlegter und immer in Abstimmung mit einem Arzt, der Ihren gesamten Gesundheitszustand kennt. Denn Sie verdienen nicht nur Schmerzfreiheit — Sie verdienen Sicherheit dabei.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Kann ich Ibuprofen bei Bedarf einfach weiter nehmen, wenn es bei mir seit Jahren gut wirkt?
Das ist eine Frage, die ich sehr häufig höre — und die ich immer mit einem klaren „Bitte besprechen Sie das mit Ihrem Arzt“ beantworte. Nur weil etwas jahrelang gut gegangen ist, bedeutet das nicht, dass es heute noch genauso sicher ist. Ihre Nierenfunktion, Ihr Blutdruck, andere Medikamente, die Sie inzwischen nehmen — all das hat sich möglicherweise verändert. Ibuprofen bei über 65-Jährigen ohne regelmäßige ärztliche Kontrolle dauerhaft einzunehmen, ist aus medizinischer Sicht nicht empfehlenswert. Besprechen Sie bitte offen mit Ihrem Hausarzt, welche Alternative oder welche Einnahmestrategie für Sie sicher ist. Möglicherweise ist Ihr Schmerz heute besser durch Physiotherapie oder topische Gels — also Ibuprofen-Gels direkt auf der Haut — zu behandeln, die deutlich weniger systemische Nebenwirkungen haben.
2. Ist Paracetamol wirklich sicherer als Ibuprofen für ältere Menschen?
Paracetamol hat tatsächlich weniger Magenprobleme und kein erhöhtes Nierenrisiko wie NSAIDs. Insofern wird es von vielen Ärzten als erste Wahl bei leichten bis mittleren Schmerzen im Alter gesehen. Aber „sicherer“ bedeutet nicht „ohne Risiko“. Die größte Gefahr bei Paracetamol ist die Überdosierung — oft unbeabsichtigt, weil viele Erkältungsmittel, Grippemittel oder Kombinationspräparate ebenfalls Paracetamol enthalten. Wer dann noch extra Paracetamol nimmt, überschreitet schnell die Tagesdosis. Außerdem: Wer regelmäßig Alkohol trinkt, auch nur ein Glas Wein täglich, sollte Paracetamol wirklich nur nach Rücksprache mit dem Arzt einnehmen, da die Kombination die Leber belasten kann. Für gebrechliche ältere Menschen empfehlen Geriater in der Regel eine reduzierte Maximaldosis.
3. Mein Arzt hat mir Tramadol verschrieben. Soll ich Bedenken haben?
Tramadol ist ein Opioid und kann bei echtem Bedarf durchaus sinnvoll und notwendig sein. Bedenken haben sollten Sie nicht im Sinne von Panik — aber Aufmerksamkeit ist angebracht. Das Wichtigste: Tramadol kann bei älteren Menschen Schwindel und Benommenheit verursachen, was das Sturzrisiko erhöht. Stehen Sie nach dem Hinsetzen oder Liegen immer langsam auf, warten Sie einen Moment, bevor Sie gehen. Achten Sie auch auf Ihren Stuhlgang — Verstopfung ist eine häufige Nebenwirkung, gegen die man mit ausreichend Flüssigkeit und ballaststoffreicher Ernährung oder einem ärztlich empfohlenen Abführmittel vorbeugen kann. Und sprechen Sie mit Ihrem Arzt darüber, wie lange die Einnahme geplant ist. Opioide sind für die Kurzzeittherapie oder bei definierten chronischen Schmerzerkrankungen gedacht — nicht als Dauerlösung ohne Überprüfung.
4. Wie kann ich meinen Arzt am besten auf das Thema Schmerzmittel-Sicherheit ansprechen, ohne aufdringlich zu wirken?
Diese Frage zeigt, dass Sie sich Gedanken machen — und das ist gut. Kein seriöser Arzt wird es Ihnen übel nehmen, wenn Sie nach der Sicherheit Ihrer Medikamente fragen. Im Gegenteil: Ich persönlich freue mich, wenn Patienten aktiv nachfragen, denn es erleichtert mir die Arbeit enorm. Sagen Sie einfach: „Ich habe gelesen, dass manche Schmerzmittel im Alter anders wirken. Können wir meine aktuellen Medikamente einmal gemeinsam durchgehen?“ Oder: „Ich möchte sichergehen, dass ich nichts einnehme, was mit meinen anderen Tabletten wechselwirkt.“ Bringen Sie gerne eine Liste aller Medikamente mit — inklusive Nahrungsergänzungsmitteln und rezeptfreier Mittel. Das ist keine Aufdringlichkeit, das ist mündige Patientenschaft. Und die ist in der Medizin von heute ausdrücklich erwünscht.
⚠️ Wann sollten Sie sofort zum Arzt oder in die Notaufnahme?
Suchen Sie umgehend ärztliche Hilfe, wenn Sie nach der Einnahme von Schmerzmitteln folgende Symptome bemerken:
- Blut im Stuhl, schwarzer Teerstuhl oder Blut beim Erbrechen (mögliche Magenblutung)
Dr. med. Karl Hoffmann
Facharzt für Innere Medizin & Geriatrie · 30 Jahre Erfahrung · Medizinischer Leiter von ueber60plus.de
Dieser Artikel wurde medizinisch geprüft und entspricht den aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin.


