Stellen Sie sich vor, Sie verbringen drei Wochen im Krankenhaus – nicht wegen eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls, sondern wegen einer Lungenentzündung, die durch Influenza ausgelöst wurde. Das ist kein Extremszenario. Das ist Alltag in der Geriatrie, und ich erlebe es jede Wintersaison. Was mich dabei immer wieder nachdenklich stimmt: Die meisten dieser Patientinnen und Patienten waren nicht geimpft – obwohl die Impfung verfügbar, kostenlos und nachweislich wirksam gewesen wäre. Als Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie möchte ich Ihnen heute erklären, warum Impfungen ab 60 keine Nebensache sind, sondern ein zentraler Baustein Ihrer Gesundheitsstrategie – und welche Impfungen die Ständige Impfkommission (STIKO) konkret für Sie empfiehlt.
Warum das Immunsystem ab 60 besondere Unterstützung braucht
Mit zunehmendem Alter verändert sich unser Immunsystem grundlegend – ein Prozess, den Mediziner als Immunoseneszenz bezeichnen. Die Zahl und Funktionsfähigkeit der T-Lymphozyten nimmt ab, die Antikörperproduktion wird träger, und entzündliche Prozesse laufen im Hintergrund oft dauerhaft auf Hochtouren (sogenannte „Inflammaging“). Das Ergebnis: Ältere Menschen erkranken nicht nur häufiger an Infektionskrankheiten, sondern auch schwerer – mit höherer Komplikationsrate, längerem Krankenhausaufenthalt und höherem Sterberisiko.
Eine wegweisende Analyse des Robert Koch-Instituts (RKI) aus dem Jahr 2022 zeigte, dass über 90 Prozent aller Influenza-assoziierten Todesfälle in Deutschland auf Menschen ab 60 Jahren entfallen. Das sind in einer schlechten Saison mehrere Tausend vermeidbare Todesfälle – allein durch eine einzige Infektionskrankheit. Gleichzeitig liegt die Impfquote bei Senioren gegen Influenza in Deutschland bei lediglich rund 43 Prozent, weit unter der von der WHO angestrebten Zielmarke von 75 Prozent. Hier besteht dringender Handlungsbedarf.
Dazu kommt: Viele Senioren haben chronische Grunderkrankungen wie Diabetes, Herzinsuffizienz oder COPD, die das Infektionsrisiko und den Schweregrad von Erkrankungen zusätzlich erhöhen. Impfungen sind bei diesen Menschen nicht weniger wirksam als gedacht – sie müssen nur konsequent und mit den richtigen Impfstoffen eingesetzt werden.
Der aktuelle STIKO-Impfplan: Was ab 60 wirklich empfohlen wird
Die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut aktualisiert ihre Empfehlungen jährlich. Für Senioren ab 60 gelten aktuell folgende Standardimpfungen als verpflichtend – im Sinne von: Sie sollten diese Impfungen haben, punkt.
Influenza (Grippe): Jährliche Impfung, idealerweise im Oktober oder November. Ab 60 Jahren empfiehlt die STIKO ausdrücklich den hochdosierten Influenza-Impfstoff (Fluzone High-Dose) oder einen adjuvantierten Impfstoff (Fluad), da diese bei älteren Menschen deutlich bessere Immunantworten erzeugen als Standardimpfstoffe. Eine im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie (DiazGranados et al., 2014, NEJM 371:635–645) belegte, dass der Hochdosis-Impfstoff bei Personen ab 65 Jahren 24,2 Prozent wirksamer gegen laborbestätigte Influenza war als der Standardimpfstoff. Das ist kein marginaler Unterschied – das ist klinisch bedeutsam.
Pneumokokken: Pneumokokken sind die häufigste bakterielle Ursache von Lungenentzündungen bei Senioren. Die STIKO empfiehlt seit 2023 eine sequentielle Impfstrategie: zunächst den 20-valenten Konjugatimpfstoff (PCV20), der die Immunantwort besonders effektiv stimuliert. Alternativ kann PCV15 gefolgt von PPSV23 (mindestens sechs Monate später) verabreicht werden. Studien zeigen, dass die Pneumokokken-Impfung schwere Pneumonien bei Älteren um bis zu 45 Prozent reduzieren kann.
Herpes zoster (Gürtelrose): Jeder dritte Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens an Gürtelrose – und das Risiko steigt nach dem 60. Lebensjahr steil an. Die postzosterische Neuralgie, ein brennender Dauerschmerz, der Monate oder Jahre anhalten kann, betrifft bis zu 30 Prozent der Erkrankten über 70 Jahre. Die STIKO empfiehlt ab 60 Jahren den adjuvantierten Totimpfstoff Shingrix (zwei Dosen im Abstand von zwei bis sechs Monaten). Eine große Phase-III-Studie (ZOE-70, veröffentlicht im Lancet 2016, 387:2427–2437) zeigte eine Schutzwirkung von 91,3 Prozent gegen Gürtelrose bei Personen ab 70 Jahren – und 88,8 Prozent Schutz gegen die postzosterische Neuralgie. Das ist beeindruckend.
Tetanus, Diphtherie, Pertussis (Keuchhusten): Alle zehn Jahre sollte die Td-Auffrischimpfung erfolgen. Bei der nächsten Auffrischung nach dem 60. Lebensjahr sollte einmalig Pertussis hinzukommen (Tdap), da Keuchhusten auch Erwachsene und Senioren schwer treffen kann und zudem Säuglinge im Umfeld gefährdet.
COVID-19: Die STIKO empfiehlt Senioren ab 60 Jahren weiterhin jährliche Auffrischimpfungen, idealerweise im Herbst mit dem jeweils aktuell angepassten mRNA-Impfstoff. Ältere Menschen haben ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere COVID-19-Verläufe, und die Impfung reduziert nachweislich Hospitalisierung und Mortalität auch in dieser Altersgruppe erheblich.
Impfungen bei Grunderkrankungen: Was Sie wissen müssen
Wer an Diabetes mellitus, chronischer Herzinsuffizienz, COPD, chronischen Nierenerkrankungen oder Immunsuppression leidet, fällt in der Regel in eine Risikogruppe mit erweitertem Impfbedarf. Hier greift die STIKO-Kategorie „Indikationsimpfungen“: Diese Impfungen werden nicht pauschal für alle Senioren empfohlen, sind aber für Menschen mit bestimmten Grunderkrankungen medizinisch notwendig.
Beispiel Hepatitis B: Dialysepatienten und Menschen mit chronischen Lebererkrankungen sollten ihren Hepatitis-B-Impfschutz überprüfen lassen. Beispiel FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis): Wer in Risikogebieten Süddeutschlands oder Österreichs lebt oder regelmäßig wandert, sollte unbedingt geimpft sein – die Erkrankung verläuft bei Älteren besonders schwer, mit höherem Risiko für bleibende neurologische Schäden.
Wichtig zu wissen: Immunsupprimierte Senioren – etwa nach Organtransplantation oder unter Biologika-Therapie – dürfen keine Lebendimpfstoffe erhalten (z. B. den älteren Zoster-Lebendimpfstoff Zostavax). Shingrix als Totimpfstoff ist hingegen auch für diese Gruppe zugelassen und wird explizit empfohlen.
Eine Metaanalyse im Fachjournal Vaccine (Moberley et al., 2013) analysierte 25 randomisierte kontrollierte Studien zur Pneumokokken-Impfung und zeigte, dass das Risiko einer invasiven Pneumokokken-Erkrankung bei geimpften Risikogruppen um bis zu 74 Prozent reduziert wurde. Zahlen, die für sich sprechen.
Praktische Tipps: So behalten Sie den Überblick über Ihren Impfschutz
- Impfausweis suchen und mitbringen: Beim nächsten Arzttermin den gelben Impfpass vorlegen – oder, wenn er verloren ist, beim Hausarzt um Rekonstruktion aus der Patientenakte bitten. Seit 2023 gibt es auch die digitale Möglichkeit über die elektronische Patientenakte (ePA).
- Jährliches Impfgespräch einplanen: Machen Sie das Thema Impfungen mindestens einmal im Jahr zum festen Bestandteil Ihres Hausarztbesuchs – idealerweise im September, bevor die Erkältungssaison beginnt.
- Kosten klären: Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen für Senioren ab 60 die Kosten für Influenza, Pneumokokken, Herpes zoster, Tetanus, Diphtherie, Pertussis und COVID-19 vollständig. Sprechen Sie vor der Impfung kurz mit Ihrer Praxis, damit die korrekte Abrechnung erfolgt.
- Reiseimpfungen nicht vergessen: Wer plant, in tropische Länder oder Regionen mit erhöhtem Infektionsrisiko zu reisen, sollte rechtzeitig – mindestens sechs Wochen vorher – eine reisemedizinische Beratung aufsuchen. Gelbfieber, Typhus, Hepatitis A und B sowie Meningokokken können je nach Reiseziel relevant sein.
- Nebenwirkungen einordnen: Rötung, leichter Schmerz und Abgeschlagenheit nach der Impfung sind normale Immunreaktionen, keine Alarmsignale. Sie zeigen, dass das Immunsystem arbeitet. Fieber über 39°C oder starke lokale Reaktionen sollten jedoch ärztlich abgeklärt werden.
- Partner und Angehörige mitdenken: Impfschutz ist kein Einzelsport. Wenn pflegende Angehörige oder Enkelkinder im Haushalt leben, schützt deren Impfung auch Sie – Stichwort Nestschutz und Herdenimmunität.
Häufige Fragen (FAQ)
Ich hatte noch nie eine Gürtelrose – brauche ich die Shingrix-Impfung trotzdem?
Ja, absolut. Das ist eine der häufigsten Missverständnisse, die ich in meiner Sprechstunde erlebe. Die Shingrix-Impfung ist nicht nur für Menschen gedacht, die bereits an Gürtelrose erkrankt waren. Sie richtet sich vor allem an Menschen, die das Varizella-Zoster-Virus – also das Windpocken-Virus – in sich tragen. Und das trifft auf über 95 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland zu, die in ihrer Kindheit Windpocken hatten. Dieses Virus schläft im Nervensystem und kann jederzeit reaktiviert werden, besonders wenn das Immunsystem durch Stress, Erkrankungen oder einfach das Altern geschwächt wird. Das Risiko einer Reaktivierung steigt ab 60 Jahren dramatisch an. Auch wer bereits einmal Gürtelrose hatte, wird geimpft – da Rückfälle möglich sind. Die einzige Ausnahme: Wer den alten Lebendimpfstoff Zostavax erhalten hat, sollte nach mindestens zwei Monaten auf Shingrix wechseln. Sprechen Sie Ihren Arzt darauf an.
Ist es sicher, mehrere Impfungen gleichzeitig zu bekommen, zum Beispiel Grippe und COVID-19 zusammen?
Ja, das ist sicher und wird von der STIKO sogar ausdrücklich empfohlen, um Arztbesuche zu reduzieren und den Impfschutz pünktlich aufzubauen. Klinische Studien, unter anderem aus dem Vereinigten Königreich (veröffentlicht im Lancet, 2021), haben gezeigt, dass die gleichzeitige Gabe von COVID-19- und Influenza-Impfstoffen die Immunantwort auf beide Impfstoffe nicht beeinträchtigt und kein erhöhtes Nebenwirkungsrisiko verursacht. Auch Pneumokokken- und Influenza-Impfung können gleichzeitig verabreicht werden, allerdings an unterschiedlichen Stellen – also zum Beispiel rechter und linker Arm. Was Sie beachten sollten: Wenn Sie sich nach einer Simultanimpfung nicht gut fühlen, ist es schwerer nachzuvollziehen, welcher Impfstoff die Reaktion ausgelöst hat. Das ist medizinisch zwar weniger relevant, kann aber bei der Beurteilung helfen. Lassen Sie sich in Ihrer Praxis beraten, welche Kombination für Sie sinnvoll ist.
Mein Arzt hat mir gesagt, ich bin durch alte Impfungen noch geschützt. Stimmt das wirklich?
Das kommt ganz darauf an, welche Impfung gemeint ist. Bei Tetanus und Diphtherie gilt die Regel: alle zehn Jahre auffrischen – unabhängig davon, wie viele Impfungen zuvor erfolgten. Der Impfschutz lässt mit der Zeit nach, auch wenn das im Alltag nicht spürbar ist. Bei Influenza und COVID-19 ist die Sache noch klarer: Die Erreger mutieren, und der Impfstoff des Vorjahres schützt möglicherweise nicht mehr gegen die aktuell kursierenden Varianten – deshalb jährliche Auffrischung. Bei Pneumokokken hängt es vom verwendeten Impfstoff ab: Wer früher den alten PPSV23-Impfstoff erhielt, sollte nach aktuellem STIKO-Stand mit dem neueren Konjugatimpfstoff PCV20 nachgeimpft werden, da dieser eine langfristigere und robustere Immunantwort erzeugt. Kurz gesagt: Ein alter Impfausweis ist kein Freifahrtschein. Lassen Sie Ihren Impfstatus regelmäßig aktiv überprüfen.
Ich habe Angst vor Impfnebenwirkungen – wie gehe ich damit um?
Diese Sorge begegnet mir sehr häufig, und ich nehme sie ernst. Zunächst zur Einordnung: Schwere Nebenwirkungen nach Impfungen bei Senioren sind extrem selten. Die häufigsten Reaktionen sind lokale Schmerzen an der Einstichstelle, leichte Müdigkeit und gelegentlich leichtes Fieber – das sind Zeichen, dass das Immunsystem aktiv wird, und klingen in der Regel nach ein bis zwei Tagen ab. Was hilft: Planen Sie die Impfung an einem Tag, an dem Sie den Folgetag ruhig verbringen können. Trinken Sie ausreichend Wasser, und informieren Sie Ihre Praxis vorab über alle Medikamente, die Sie nehmen, insbesondere Blutverdünner (dann wird die Einstichstelle länger gedrückt). Bleiben Sie nach der Impfung noch 15 bis 30 Minuten in der Praxis, damit eventuelle sofortige allergische Reaktionen beobachtet werden können – auch wenn diese extrem selten sind. Und dann der wichtigste Gedanke: Vergleichen Sie das kleine Risiko einer Impfrektion mit dem realen Risiko der Erkrankung selbst. Eine schwere Influenza mit Pneumonie, ein Herpes-zoster-Neuralgie-Schmerz, der Sie nachts nicht schlafen lässt – das sind keine abstrakten Szenarien. Das sind Erlebnisse, die ich tagtäglich sehe. Die Impfung ist das kleinere Übel – mit Abstand.
